Ich muss ja zugeben, dass es schon ein paar Tage, um nicht zu sagen Wochen (sind es schon Monate?) her ist, dass Herr Juhl mir die folgenden 12 Fragen + Bonusfrage beantwortet hat. Das macht aber nichts, denn die Antworten sind nach wie vor absolut lesbar und am Ende des Interviews habe ich mich sogar daran versucht, dass Geheimnis um die markante rote Hose des Tim Juhls zu lüften.
Videospiel-Liebhaber Herr Juhl (auf Twitter übrigens zu finden unter @herrjuhl) lebt in Oldenburg. Herr Juhl ist ein sehr audio-visueller Mensch. Das kann man ruhig einfach so sagen.
Was hast du als letztes gegessen?
Aufgrund diverser Geburtstagsfestivitäten war meine letzte Mahlzeit ein medium gegrilltes Rumpsteak mit Sauce Hollandaise, Röstkartoffeln, gebratenen Zwiebeln und Champignons. Dazu gab es einen halbtrockenen griechischen Wein. Das war ziemlich okay.
Wenn du ein Tier sein könntest, welches würdest du sein?Oh, das ist knifflig! Spontan hätte ich wohl Lust als wilder Mustang durch die Prärie zu reiten. Näher kann man Freiheit nicht kommen.
Auf einer Skala von 1 (ach so ein scheiß) bis 12 (hell yeah wie genial) wie zufrieden bist du mit deinem Leben?
Eine 10 wird es da wohl werden. (Man muss ja auch immer noch ein bisschen Platz nach oben lassen.)
Hast du schon mal ernsthaft gedacht, du könntest verrückt werden?
Unglaublich oft! Meistens war ich dann aber doch nur betrunken. Sollte es aber wirklich einmal soweit kommen, dann rede ich mir lieber ein, dass ich normal bin und der Rest der Welt verrückt. Damit könnte ich wohl einfach besser zurecht kommen.
Glaubst du an Karma?
- Meine Ex hat mich mal betrogen. Ich machte Schluss und sie kam daraufhin mit diesem anderen Typen zusammen. Und der hat sie dann über Wochen hinweg betrogen. Ich fand das nur fair.
Welches ist spontan die traurigste Filmszene, die dir einfällt?
Wenn in der Folge „Tag der offenen Tür“ das Auto von Mr. Bean von dem Panzer überrollt wird. Es treibt mir immer noch jedes Mal die Tränen in die Augen.
Hot Dog oder Cheeseburger?
Hot Dog!
Deine Lieblings-Game-Figur?
Das ist definitiv der Dämonenjäger Maxim aus meinem absoluten Lieblingsrollenspiel „Lufia“ für den Super Nintendo. Ich habe mich selten so gut mit einem Spielecharakter identifizieren können.
Oldenburg ist für dich einfach, ___________
meine Stadt.
Was ist deine größte Schwäche?
Ich zeige meinen Freunden gerne neue Musik und versuche sie dann krampfhaft davon zu überzeugen, dass sie diese nun auch total toll finden müssen. Geht meistens nach hinten los.
Wenn dir morgen ein reicher Öl-Milliardär anbieten würde, ihn auf einer Reise zum Mond zu begleiten, würdest du annehmen?
Gibt es da oben W-LAN?
Was ist deine absolute Lieblingsbeschäftigung?
Händchenhalten. Mehr braucht der Mensch nicht um glücklich zu sein.
Dann jetzt noch die Spezial-Frage: „Herr Juhl, was hat es denn nun eigentlich mit Ihrer roten Hose auf sich? Und noch viel wichtiger, gibt es sie noch oder haben Sie sie in einem Ehren-Bilderrahmen aufgehängt?“
Die rote Hose bekam ich mal von einem Freund geschenkt. Ganz nach dem Motto: Müsste dir passen, stehen tut sie dir vielleicht auch. Ich hielt bzw. trug sie in Ehren – wie es mit Lieblingsjeans nun einmal halt so ist. Irgendwann aber machte es ein unübersehbarer Riss es mir sehr leicht die Seele baumeln zu lassen und mich von ihr zu verabschieden. Mit einem Trauergeleit und diversen Tränen verabschiedete ich sie in die Tonne. Einen adäquaten Ersatz konnte ich bis dato leider nicht finden.
Danke an Tim Juhl, dass er für diesen Blogbeitrag so charmant Frage und Antwort stand.
PS: Nächstes Mal wird mir übrigens André aka @nieptier Frage und Antwort stehen.
…schon fast Weihnachten. Ist schon fast Silvester. Ist schon fast 2012. Ist schon fast ich bin erwachsen. Ist schon fast ihr seid erwachsen. Ist schon fast alles vorbei. Ist schon fast alles fängt an.
Ich esse unglaublich gerne grüne Tabasco-Sauce. Auf vegetarischen Nuggets. In einem Wrap. In einem Curry. Auf mein Tomaten-Käsebrot. Jalapeño. Mit einem scharf-gesprochenen „chchch“ am Anfang. So, dass es im Gaumen kitzelt. Ein weiches „nnnn“ in der Mitte, dass einen an wohlgeformte, warme Brüste erinnern lässt.
Ich trinke ein Glas Rotwein und schreibe diesen Text. Anders. Ich schreibe diesen Text und schreibe darüber, dass ich ein Glas Rotwein trinke. Das bringt mich dazu ein Glas Rotwein trinken zu wollen. Aber weil es hier an der Heizung viel viel wärmer ist als in der Küche, ist es gerade quasi unmöglich Richtung Küche zu huschen und mir reinen Wein einzuschenken. Also schreibe ich eben weiter davon, wie gerne ich jetzt ein Glas Rotwein tränke. Und trinke keinen Rotwein.
Draußen ist es kalt. Nass. Neblig. War nicht gerade eben noch Sommer? Einmal eingeatmet und schon ist aus Versehen sibirischer Winter? Wenn ich abends mit dem Fahrrad fahre, kriecht die Kälte unter meine blaue Wollmütze, sie tanzt an meinen Fingerspitzen entlang und legt sich in meinen Nacken. Das sind Momente, in denen ich mich an die warmen Jalapeño-Brüste schmiegen möchte um nicht zu erfrieren.
Manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen online und offline. Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt noch Grenzen gibt? Dann wiederum frage ich mich in einem harschen Ton erneut, wie ich darauf kommen konnte, online und offline könnten eins sein. Es ist ein neuer sozialer Raum entstanden, der uns umgibt, mit dem wir uns umgeben. Es ist wie eine Wolke aus Wortfetzen, Gedankenströmen, Links und Bildern, Songs und Gefühlen, Likes und Comments, Streams und Push Notifications. Ich bin jetzt hier. Und gleichzeitig da draußen bei euch. Und gleichzeitig seid ihr hier bei mir.
(Ich habe es in der Zwischenzeit übrigens in die Küche geschafft. Gleich gibt es Wein. Das sollte euch nicht beunruhigen. Im Gegenteil, meine Gedanken benehmen sich einen Großteil der Zeit sowieso absurd. Da kommt es auf Glas Rotwein mehr oder weniger nicht an.)
Vorm Edeka an der Ecke stand heute und älterer Mann. Ich schätze er war 57, könnte aber auch sehr gut als 63 durchgehen. Er spielte Ziehharmonika. Er wirkte auf mich osteuropäisch, das mag jetzt nach einem verflixten Vorurteil klingen, das macht aber nichts, denn ich meine es nicht so. Er trug eine blau-rote Jacke, der Haaransatz war ein wenig schütter und seine Hände steif und rot von der Kälte. Manchmal wünsche ich mir ich hätte besondere Fähigkeiten. Und damit meine ich jetzt nicht diese „8-Millionen-Dollar-Frau-Night-Rider-Scooby-Doo-A-Team“-Fähigkeiten – nein, manchmal wünsche ich mir, ich könnte Lebensgeschichten im Zeitraffer vor mir ablaufen sehen. Ich blicke der gewünschten Person kurz in die Augen um mir die Zugangsberechtigung zu seinem Leben abzuholen und dann würde es losgehen. 16 zu 9. Oder schwarz weiß und flackernd. Wie ein Daumenkino, dass sich durch meine Gedanken wälzt.
Wenn ich mir noch eine Fähigkeit wünschen dürfte, wäre es im Nachhinein sehen zu können, wo man Personen, die man erst seit einem bestimmten Zeitpunkt kennt, vielleicht schon vorher rein zufällig gesehen hat. Also nicht gesehen hat. Wo sich die Wege schon einmal gekreuzt haben. Im Supermarkt. Am Bahnhof. Auf einem Konzert. Im Urlaub. In Berlin. Oder in der Achterbahn. Wobei ich letzteres für meinen Fall eher ausschließen kann, da ich glaube ich an einer Hand abzählen kann, wie oft ich schon Achterbahn gefahren bin. Das ich da schon die Wege von irgendjemandem gekreuzt habe, mag ich an dieser Stelle fast ausschließen.
Eigentlich ist auch schon fast Neujahr. Eigentlich ist schon fast Frühling. Eigentlich kann ich den Sommer schon fast wieder riechen. (Gut, dass kann jetzt doch auch am Wein liegen.)
Ich beobachte, wie die Welt um mich herum mitwächst. Auf einmal können mir die Hunde nicht mehr direkt in die Augen blicken. Ich habe aufgehört, diese und jene Blätter von unterschiedlichen Bäumen zu probieren. Immer seltener berühre ich die Blütenblätter im Vorbeigehen. Aus Pusteblumen ist Löwenzahn geworden. Pfützen lächle ich nur noch aus der Entfernung verschwörerisch zu. Doch manchmal kommt alles ganz unerwartet und wir sind doch wieder Kinder.
Wir lassen uns von elektronischer Tanzmusik tragen. Schließen die Augen und lassen uns von den Beats treiben. Ich habe Lust dich zu umarmen. Sonnenstrahlen wärmen meine Wangen. Mit meiner linken Hand streiche ich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und lege sie hinter mein Ohr. Meine Füße bewegen sich konstant zu den Melodien. Obwohl ich die Augen geschlossen halte, lache ich. Und ich spüre, dass es euch nicht anders geht. Wir treffen an uns an diesen Orten um gemeinsam wieder Kinder zu sein. Die Mädchen tragen bunte Strumpfhosen und die Gesichter glitzern bunt. Federn schmücken die Haare und wäre ich ein Mops, würde ich in Heer unterschiedlichster Gummistiefel und von Freude und Matsch durchtränkten Stoffschuhen blicken. Wir stoßen an, in den milchigen Plastikbächern klopfen die Reste der Eiswürfel an den Rand. Kalter Rhabarber. Kalter Rum. Schmeckt mir.
Bunte Zelte sind in unterschiedlichsten Konstellationen und Formen angeordnet. Je länger die Menschen nicht duschen, desto schöner werden sie. Mein Kopf liegt fast auf der Erde. Zwischen uns nur die Wiese, der Zeltboden und die Luftmatratze. Wir vibrieren, die Bässe der Bühnen durchdringen unsere Körper. Es ist schwer zu sagen, ob es schon morgens ist, noch morgens ist oder wann morgen ist? Für einen kurzen Moment halten wir die Zeit an, ziehen Büros, und Bürostühle, und Eltern, und Briefe, und Rechnungen, und das Grau aus unseren Köpfen. Mehr Rum. Nicht mehr kalt. Trotzdem gut. Dazu TUC-Kekse mit Senfsoße. Quietschender Halloumi-Käse rundet das festliche Abendmahl ab. Wir essen mit den Fingern, es könnte kaum köstlicher sein. Wir sind die neuen Blumenkinder.
Regen tropft von unserer Stirn. Kitzelt meinen Nacken. Ihre Schuhe quietschen. Tanzend verdichten wir den Boden. Wir werden den Weg nach Mordor finden. Fast ekstatisch bewegen sich unsere Arme zu den Klängen. Die Sonne geht auf. Die Sonne geht unter. Sekt. Bier. Noch mehr Rum. Wasser. Viel Wasser. Sekt. Liebe.
Wir lassen uns treiben von den unterschiedlichen Farben und Formen. Ein elektronischer Rattenfänger führt uns durch das Dorf der Fantasien. (An dieser Stelle muss ich anmerken, dass Phantasie mit „Ph“ geschrieben, der Bedeutung des Wortes viel gerechter wird als die Verwendung eines schlichten „F’s“). Konzertfetzen dringen an uns heran. Auszeit. Wir liegen weil wir liegen wollen. Wir tanzen, weil es nicht anders geht. Grenzen verschwimmen. Es riecht nach Sonnencreme. Ich liege auf dem Rücken und blicke dem Himmel direkt ins Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange ich da liege und es spielt auch keine Rolle.
Erschöpft sitzen wir wieder im Auto. Fahren bei McDonalds ran, durstig und hungrig und erschöpft. Doch wir sind kaum in der Lage auch nur einen Bissen herunterzubekommen. Wir sind glücklich. Und aufgefüllt mit schönen Erinnerungen, die uns dabei helfen, die Zeit bis zum nächsten Jahr zu überbrücken.
Es macht mich glücklich, durch die Wellen der Zeit zu treiben. Die Zügel der kleinen Seepferdchen sind umklammert von meinen Fäusten. Gemeinsam wiehern wir der Gischt und den weißen Schaumkronen entgegen. Das Seepferdchen und ich. Uns kann nichts aufhalten. Wir sind mutig. Wir lachen der Gefahr ins Gesicht. Doch genauer hinzugucken, dass trauen wir uns heute noch nicht.
Es ist der kurze Moment, wenn sie sich von ihm, er sich von ihr, wir uns von ihnen, du dich von mir verabschiedest. Unser Lächeln trifft sich in der Mitte unserer Körper. Wenn man genau hinhört, kann man die kleinen gläsernen Geräusche hören, die wie zarte Kristalltropfen aneinanderprallen. Lächeln trifft auf Lächeln. Kurz sind unsere Herzen geöffnet und lassen den andern hinein, dann drehen wir uns um, wenden uns ab und schließen unsere Herzen wieder.
Die Kopfhörerstöpsel werden in die Ohren gesteckt. Musik aufgedreht. Wir schwanken zwischen so leise, dass man noch andere Gespräche mithören kann, so laut, dass man andere mit monotonen Bässen und auftretenden Höhen stört und so, dass wir einfach nur auf einer Welle der Musik schwimmen und weder Innen noch Außen wahrnehmen. Angenehme innere Ruhe. Trotz Musik. Trotzmusik.
Warum denkt man im glücklichen Moment eigentlich schon wieder an den Abschied? Was macht es so verdammt schwer, den Augenblick zu genießen? Warum muss man immer die Kontrolle behalten? Ist das vielleicht ein Grund, warum Menschen gerne Sex haben? Weil man im Augenblick der Zweisamkeit für einen kurzen Moment die Kontrolle über seinen eigenen Körper verlieren kann? Nichts zählt. Alles zählt. Und auf einmal hat der Moment die Kontrolle über einen und man selber ergibt sich lachend dem Moment.
Alltag. Tag für Tag . Tag für Tag für Tag werden To-Do-Listen abgearbeitet. Imaginäre. Auf Papier. Auf dem iPhone. Das Problem scheint sisyphus’scher Natur. Nichts hat ein Ende. Und alles geht von vorne los. Wir sehnen uns nach Zeit und Ruhe. Und sollten wir mal Zeit und Ruhe haben, wissen wir kaum etwas damit anzufangen. Überfordert vom Moment des Nichtstuns. Schnell lechzen wir nach digitaler oder analoger Ablenkung. Zeitvertreib. Statt Stille auszuhalten. Scheint fast noch schlimmer als zu viel zu tun zu haben.
Ich merke selber, wie schwer es mir fällt, einen einzelnen Gedanken zu verfolgen. Ein Buch zu lesen. Eine Seite zu lesen. Ich bin zu einem Springer in meinem eigenen Leben geworden. Ein Telefongespräch strengt mich an. Schon das Klingeln meines Telefons strengt mich an. Die Nummer meines Hausanschlusses haben nur vier Leute und mein Handy nutze ich eigentlich nicht zum telefonieren. Erwartungen strengen mich an. Schreiben strengt mich nicht an. Ich bin der Beobachter unter meinen Gefühlen. Ich warte ab. Ich interpretiere. Aber ich weiß auch, wie schön es ist, seinen Kopf auszuschalten.
Hätte ich eigentlich noch die Muße in Ruhe in der Badewanne zu liegen? Diese Frage kann ich nur schwer beantworten, da ich keine Badewanne habe und ich glaube es wäre reichlich unbequem in meiner Dusche rumzuliegen. Aber gesetzt den Fall, man badetete 45 Minuten oder eine Stunde? Die Badewannengänger unter euch, wie lange dauert eigentlich ein Durchschnittsbad? Badet man dann 45 Minuten ohne Ablenkung? Ohne iPhone? Neon? ZEIT? Murakami? Whats App? Twitter? Facebook? Wäsche waschen? Eis essen? Fahrrad reparieren? Kochen? Mails checken? Trinken? Tanzen? Essen kaufen? Arbeiten? Luft holen?
Eine Dreiviertelstunde lag nichts tun? Irre. Noch bis vor zwei Jahren habe ich jede Woche regelmäßig Yoga gemacht. 1 1/2 Stunden nur ich und der Moment. Handy aus. Sprache aus. Und im Idealfall auch Gedanken. Kann ich mir heute kaum vorstellen. Gedanken wirbeln und Ablenkung ruft. Aber immerhin kann ich eins gut: Einschlafen. Noch bevor mein Kopf das Kissen berührt bin ich quasi schon eingeschlafen. Mein persönlicher Anti-Reizüberflutungsmodus. Ich habe jahrelang hart trainiert, um die „oh guck mal ein Eichhörnchens“ dieser Welt auf Flugmodus zu schalten.
Manchmal wünsche ich mir ganz viel Zeit. Für dich. Für mich. Für uns. Und dann drehe ich kurz meinen Kopf zur Seite, weil vor meinem Fenster ein kleiner Vogel sitzt, der mir aufgeregt Baby-Eichhörnchen-Videos auf Youtube zeigen will.
Anfang der Woche habe ich hier auf meinem Blog ein kurzes Interview mit @ghettovolkan geführt. Irgendwie hat mir das ziemlich viel Spaß gemacht, daher habe ich beschlossen eine neue Textreihe unter dem Motto „12 Fragen an…“ zu starten. Ich werde mir hin und wieder Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen schnappen und mit genau 12 Fragen bombardieren. Für die erste Runde habe ich Bloggerin, Fahrradfreak & Newbiemama Renate aka @rumpelkastenmit ihrem Blog www.blumenbriga.de, den Oldenburger Tim Hendrik aka @herrjuhl (http://vimeo.com/herrjuhl) und den fotografiebegeisterten André aka @nieptier mit seinem Blog http://blog.andreduhme.de gefragt, ob sie Lust haben mitzumachen.
Und tschakkadingeling alle drei haben zugesagt. Was mich sehr freut. Jetzt geht es ans Fragen suchen, finden und formulieren. Für @nieptier habe ich schon elf Fragen zusammen. Bei @herrjuhl brennt mir vor allem die Frage nach seiner roten Hose ganz besonders auf der Zunge. Und @rumpelkasten ist eine gute Freundin von mir, was das Finden von passenden Fragen gleichzeitig schwer und einfach macht. Aber ich bin gesapnnt wie es wird und ich hoffe, ihr seid es auch.
P.S. Falls einer von euch an einen der Drei spontan eine Frage hat, immer her damit, vielleicht bastel ich sie ja in die Fragenkataloge ein
Freunde des Internets. Durch unglaublich fantastische Umstände hatte ich die Chance, dem jungen Bremer @ghettovolkan ein paar Fragen zu stellen. Volkan Highkick kommt aus Bremen Tenever und der geneigte Leser kann auf der Microblogging-Plattform Twitter verfolgen, was Volkan so tagtäglich erlebt – ob bei seinem Praktikum als Türsteher, beim Kick-Boxen oder im Bremer Nachtleben.
Und natürlich will euch seine Antworten an dieser Stelle auf keinen Fall vorenthalten. Also, dreht den Swag auf und viel Spaß beim Lesen!
Volkan Highkick
1. „Dies Das“, „junge Leude“, „chschwör“, „knick knack“, „Schelle“… mit deinen Ausdrücken hast du quasi eine ganze Generation geprägt. Wie fühlt sich das für dich an?
Volkan: Ich glaube die Menschen freuen sich, dass jemand mit ihnen auf Augenhöhe kommuniziert. Bei diesem Twitter sind viele Studenten und Fachleute, keiner versteht was sie sagen. Mir ist es wichtig so zu sein wie ich wirklich bin. Das scheinen die Menschen zu mögen. Ein Junge von der Straße der es geschafft hat, ein Vorbild für alle. Vom Bordstein zur Skyline und zurück.
2. Hast du zurzeit eine feste Freundin? Wenn ja, wart ihr schon zusammen im Alex was trinken?
Volkan: Ja, also nein. Bisschen. Also es gibt ein Mädchen bzw. drei, mit denen war ich im Chat schon zusammen. Mit *<sweety_HB_92>* bin ich morgen Alex. Bisschen reden, dies das. Mal sehen was sich daraus ergibt. Normal. Evtl. später noch Stubu Dancehouse. Ich könnte sie sofort haben. Aber jemand wie ich, der hat Stil.
3. In welchem Bremer Stadtteil wohnst du eigentlich?
Volkan: TENEVER! Bremen Ost 325 Gangbang! Da bin ich geboren. Da werde ich sterben.
4. Hand aufs Herz, wieviele Anzeigen oder Vorstrafen hast du?
Volkan: Ich hab 2 Strafzettel wegen falsch parken. Das weiss mein neuer Arbeitgeber auch genau. Hab ich gleich gesagt.
5. Ist der Swagger, @therealmoneyboy ein Vorbild für dich?
Volkan: Moneyboy ist gut drauf. Er hat auf jeden Fall den Swag. So wie ich. Allerdings ist er kein Gangster, er sagt aber auch nicht das er gangster ist. Daher ist er real. Aber ein Vorbild ist er nicht weil ich nicht weiss wie gut er kämpfen kann wenn’s drauf ankommt. Cheeers!
6. Dein Traumjob?
Volkan: Sicherheits-Chef von einer Securityfirma für Discos und Zeltfeten.
7. Wem würdest du besonders gerne eine Schelle verpassen? (Keine Angst, ich halte dicht.)
Volkan: Ich fasse mich kurz okay? Erstmal @frankmagetding weil er auf Twitter „Stricher“ zu mir gesagt hat. Dann dem Typen der mir ein China-iPhone verkauft hat (Neustadt, Kiosk, du weisst es!!!) Ansonsten bin ich sehr nett. Das weiss mein neuer Arbeitgeber auch.
Volkan: Er ist guter Junge. Mir geht es nur etwas auf den Sack das die Leute labern er wäre ich oder ich er oder dies das. Er kann gut malen aber musikalisch ist er glatte 6. Technopalme.
10. Du und sieben Babykätzchen in einem Raum – wie endet das?
Volkan: Tut mir sehr leid. Ich verstehe diese Frage leider gar nicht.
11. Deine Mudder?
Volkan: Was deine Mudder? Pass mal bisschen auf! Deine Mudder arbeitet bei ein Fischkutter als ********. (An dieser Stelle wurde aus Gründen des Selbstschutzes das Internet zensiert.)
Willst du sonst noch irgendwas loswerden?
Volkan: Ich möchte noch einmal ausdrücklich sagen das ich nichts mit diesem Jungen @VisualStunts zu tun habe. Er is nicht ich, ich nicht er seine Mutter kenne ich nicht und wer das behauptet bekommt Hausbesuch! Ich grüße noch meine Homes Vitali, Orhan, Kevin meinen Bruder Jussuf und die ganze Gang Bang Gang 325 Bremen Ost Street Hustlerz!
Wozu macht man eigentlich Sachen? Die Antwort liegt quasi auf der Hand – im Prinzip macht man Sachen um Sachen zu machen. Wie unglaublich schwer es mir fällt still zu stehen, still zu sitzen und meinen Gedanken beim Vorbeirauschen zuzusehen. Kontemplative Hingabe. Kontemplativ – das ist auch eins dieser Wörter, die ich im Laufe meines Lebens bestimmt schon 27 mal im Duden nachgeschlagen habe und 4 1/2 mal googelte. „Kontemplation (von lat. contemplare: „anschauen, betrachten“) bedeutet allgemein Beschaulichkeit oder auch beschauliche Betrachtung.“ (Quelle: Wikipedia) – im übrigen darf ich hier wohl als Quelle Wikipedia verwenden, es ist ja schließlich mein Blog.
Vor, zurück, rauf, runter, hinterher, wieder zurück, hab ich alles bedacht? An alles gedacht? Manchmal leide ich unter der Spannung, nichts zu tun – vermeintliche Entspannung verursacht bei mir dann Anspannung. Dabei finde ich Faultiere doch toll. Und Nichtstun noch toller. Aber in meinem Kopf kreiselt es, als würde ich auf einem Ameisenhaufen Kopfstand üben. Ich bin nonstop im Rauschzustand und dabei meine ich keine Drogen – sondern ein anderes, echtes Rauschen in meinem Kopf. Es kribbelt und denkt und seufzt und singt und tanzt und grübelt und liebt und schmerzt und dreht sich und singt und malt Muster – und mustert mal mehr und mal weniger.
Ich strukturiere meine Gedanken. Ich verwerfe meine Gedanken. Dann fahren wir ein bisschen Achterbahn. Und dann Wildwasserbahn. Und dann Heißluftballon. Und dann überlisten mich meine Gedanken mit einem Trojanischen Pferd. Aus Teakholz (Fair gehandelt natürlich). Aber mir nichts dir nichts, drehen wir uns wieder im Kreis.
Und nachts da träume ich. Ich träume in Farbe. Und es gibt kaum eine Nacht in der ich nicht träume. Aufwachen. Snoozen. Weiterträumen. Verarbeiten. Weiterträumen. Hat der Tag schon begonnen, oder träume ich noch? Oder träumt ihr und ich bin wach?
Ich trinke meinen Wein übrigens aus IKEA-Kindergläsern auf denen kleine gelbe und blaue Elefanten entlang spazieren. Sie lachen sich an. Ob es in ihren Köpfen wohl auch rauscht?
Mir war nicht immer klar, wie wichtig es für mich ist, mein Gegenüber während eines Gespräches genau betrachten zu können. Ich antworte, reagiere und in mir drinnen wird analysiert, abgewogen – manchmal habe ich das Gefühl zusätzlich die Gedanken meines Gegenübers mitzudenken. Als wär in einem Kopf alleine nicht genug los. Und dieser eine Kopf ist dann zufällig auch noch mein Kopf.
Aber ganz manchmal, da gibt es diese Momente, in denen ich die Zeit vergesse und an nichts denke und mich am liebsten für die Ewigkeit an diesen einen Moment festklammern möchte. Aber daran ist in diesem einen Moment dann gar nicht zu denken. Zumindest so lange, bis das Rauschen wieder einsetzt und dann ist es meistens zu spät, den Moment zu konservieren.
Denn die schönsten Momente lassen sich einfach nicht festhalten. So ist das eben mit diesen wunderschönen Momenten, da sollte man die Gedanken einfach tanzen lassen.
Inspiriert von einem netten Gedankenaustausch mit dem Herrn @euphoriefetzen stellt sich mir heute Abend die Frage, was wäre, wenn ich sieben Wochen frei hätte? Warum gerade sieben Wochen? Es könnte auch vier oder vierzehn sein. Fest steht, es gibt so viele kunterbunte, flauschige, anstrengende, schöne, warme, kalte, dunkle, helle, falsche und richtige Sachen, die ich gerne erleben möchte.
Hätte ich sieben Wochen, ich würde gerne mal nach Finnland reisen und eine Nacht ohne Dunkelheit erleben. Ich möchte endlich kraulen lernen. Ich möchte eine Himbeertorte backen, am besten mehrstöckig (gibts das überhaupt?). Ich möchte meinen Opa besuchen, der im Moment Schwierigkeiten hat, sich daran zu erinnern, wann ich ihn zuletzt besucht habe – und der mit einem zitternden Lachen in der Stimme reagiert, wenn ich ihm verspreche, dass ich es zu seinem Geburtstag bestimmt schaffen werde. Ich möchte mit dem Fahrrad nach Hamburg fahren. In Hamburg möchte ich auf dem Longboard den Deich entlang düsen. Ich möchte mir für mindestens zwei Stunden eine Pandamütze ausleihen. Ich möchte nach Berlin fahren und einen Cocktailabend nachholen. Ich möchte drei Tage am Stück tanzen. Ich möchte mich in eine fremde Jacke einkuscheln und der Sonne beim Aufgehen zusehen. Ich möchte endlich meinen Wohnzimmer-Fußboden wischen. Und meinen Badezimmerspiegel. Ich möchte einen riesigen Wildblumenstrauß auf meinen großen Tisch stellen. Ich will nach Istanbul fliegen und durch die versteckten Gassen schlendern und Farben riechen und Menschen beim Leben zusehen. Ich möchte auf einem Baum sitzen und stundenlang Wörter, Wortketten, Sätze und Geschichten in mein Notizbuch schreiben. Ich möchte mein Fahrrad mit warmen, seifigen Wasser putzen. Ich möchte Karamellbonbons selber machen. Ich will Briefe schreiben. Ich will bunte Sachen an graue Häuserwände und in dunkle Ecken kleben. Ich will Seifenblasen pusten. Ich will „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Márquez lesen. Ich will einmal ein Eichhörnchenohr anfassen. Diesen Zuckerberg-Film habe ich auch noch nicht gesehen. Ich will jeden Morgen den Sonnengruß machen. Mir fehlen meine Schwestern. Traue ich mich meine Haare kurz zu schneiden? Ich möchte eine Grachtenfahrt in Amsterdam machen. Ich will in ein Geschäft in dem es nur Cupcakes gibt. Ich möchte aus meinen alten Klamotten neue Sachen zusammennähen. Ich will endlich, dass meine Nähmaschine funktioniert. Ich will mindestens zehn verschiedene Orchideen sehen. Ich will mit meinen besten Freunden an einem Küchentisch sitzen und die ganze Nacht durchquatschen. Ich möchte endlich lernen, wie man ein Rad schlägt. Eines Tages will ich eine Raubkatze anfassen. Wie ist mehrere Tage in einem Kloster zu sein und nicht zu sprechen. Schaffe ich es, eine komplette Ausgabe der ZEIT durchzulesen. Wann war ich zum letzten Mal auf dem Friedhof? Gibt es wirklich noch Leute die Briefmarken sammeln? Ich will Zeit haben, unter der Dusche laut, lange und vor allem schief jedemenge Lieder mitzusingen. Ich möchte aufwachen und in einem viel zu großen Shirt und kuscheligen Wollsocken durch meine Wohnung spazieren und gucken, was sich in den ganzen Kästen und Schubladen versteckt hält. Ich möchte ein riesiges Bild von einem Galloway-Rind in meinem Wohnzimmer aufhängen, dass ich mit neonpinken Kreisen verziere. Ich will Mango-Chutney machen. Ich will selber Fotos entwickeln. Ich will auf dem Flohmarkt entlangspazieren und mich durch staubige Schätze wühlen. Ich möchte meine Freunde in Neuseeland besuchen. Ich will mir Handstulpen stricken. Ich will endlich mit meinem Fahrrad rückwärts fahren können. Ich möchte im Schneidersitz auf dem Fußboden dieses kleinen Restaurants sitzen und buntes Sushi essen. Ich will, dass die endlich meinen Weisheitszahn ziehen. Kann man ein Sofa selber bauen? Mir fehlen die Wellen und der Wind und der warme Sand unter meinen Füßen. Schaffe ich es eine kleine Avocado-Pflanze großzuziehen? Selbstgemachte Tomatensauce schmeckt viel besser. Ich möchte endlich die Playlist auf meinem iPhone aktualisieren. Ich möchte auf einem Konzert sein und in der Menge umherspringen. Sekt mit Rhabarber schmeckt lecker. Ist es unter Wasser wirklich so anders? Ich will mich nach der Sauna in den Schnee legen. In Indonesien gibt es wunderschöne Märkte und die allerbesten Kokosnüsse. Ich möchte nochmal Achterbahn fahren. Mein Vater fehlt mir. Wie ist es im November auf Juist? Wie lange können wir lachen? Kann man Kontinente überskypen? Gefrorene Himbeeren kann man wunderbar lutschen. Sonnenmilch riecht gut. Eine ganze Wand voll Fotos und Bilderrahmen. Ein Mobile aus pastellfarbenem Papier und goldener Folie. Die Nase in Lavendelsträuchern vergraben. Eiskristalle sehen. Nachts Blumen in fremde Straßenbeete pflanzen. So laut schreien, bis ich heiser bin. Endlich richtig französisch sprechen. Vergessen. Wimpern wegpusten. Eine Glückszigarette rauchen. Rotwein trinken, bis man einen Rotweinschnurrbart hat. Durchgekitzelt werden. Mich in meinem Kleiderschrank verstecken. Mit bunter Kreide auf der Straße malen. Einen Fliegenpilz unter dem Mikroskop angucken. Wie ist es in Stockholm? Warum war ich noch nie in England? Hat Freiburg sich verändert? Fotos in Postergröße entwickeln lassen. Mario Kart Rainbow Road spielen. Und Tekken. Ist es wirklich so schwer, selber Crème brûlée zu machen? Den neuen Teil von „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit“ sehen. Stundenlang mit dem Zug durch die Landschaft fahren. Ein Lagerfeuer mit Feuersteinen anzünden.
Was wäre wenn ich sieben Wochen Zeit hätte? Ich möchte aufwachen und weiterträumen.
Tadaaa Mein erster vorgelesener Blogbeitrag. Geschrieben habe ich den Text für eine Lesung im Rahmen des „Zwischenmiete-Kulturfestivals“ im Oktober 2010 in Bremen. Gelesen haben dort junge Bremer Autorinnen und Autoren zum Thema Zukunft. Der Text heißt: „Schimmernde Rippen. Rostige Seele“
[Wer lieber liest als hört, hier der Text:
„Schimmernde Rippen. Rostige Seele.“
Ich weiß nicht, wieviele Stunden ich bereits umherirre. Es ist kalt und wird langsam dunkel, die Sonne zieht ihre letzten wärmenden Strahlen aus der grauen Betonwüste zurück. Ich lecke mir über die Lippen. Aha, so schmeckt also Sägespäne. Ich fühle mich wie betäubt.
Früher dachte ich ja, die Rippen und die Seele wären ein und dasselbe. Bronzefarben von einem schimmernden Rostglanz überzogen – sie halten sowohl meinen Körper zusammen, sind aber auch gleichzeitig der Aufenthaltsraum für alle meine Gedanken, Ideen, Wünsche, Träume, Ängste, Sorgen, Freuden und Gefühle.
Ich spüre den warmen, salzigen Geschmack von frischem Blut in meinem Mund. Ich werfe einen Blick über meine Schulter und mit einem zischenden Geräusch spucke ich die warme Flüssigkeit auf den kalten Asphalt. Von dem dunklen, roten Fleck laufen dünne, hellrote Äste in die kleinen Rillen des Bodens. Irgendwie sieht es schön aus.
Es erinnert mich an den Kunstunterricht in der Grundschule, als wir solange mit Strohhalmen über die frische Tusche pusteten, bis wir Kopfschmerzen bekamen. Bunte Farbklekse, von denen sich zarte Verästelungen abzweigten. Ein Traum für jeden interpretationswilligen Psychiater sollte man meinen. „Frau Berger“, wird er mich fragen, „Was sehen Sie auf diesem Bild?“ – Ich würde vorsichtig mit meiner weißen Schuhspitze in den roten Fleck treten, „Ein Nashorn vielleicht. Mit Schmetterlingsflügeln vielleicht.“ Er wird seinen dicken Kopf schütteln, der Hautlappen an seinem Hals würde lustig mitwippen. Er wird seine runde, Brille, die für sein blasses, flächiges Gesicht viel zu klein ist, an die Stirn schieben und mich bitten, noch einmal genauer hinzusehen.
Ich atme einen tiefen Zug der kalten Novemberluft ein. Meine Lunge spuckt kleine, dampfende Wölkchen zurück. Es sieht ein bisschen schön aus. Meine Füße schieben sich voreinander her. Inzwischen ist es so kalt geworden, dass meine Finger zu schmerzen beginnen. Ich verschließe meinen Daumen mit den anderen Fingern und schiebe meine Fäuste tiefer in die Taschen meines dunkelblauen Mantels. Ich muss an diese albernen, herzförmigen Partnerhandschuhe denken. Meistens hängen sie an einer nachlässig gedrehten Kordel und scheinen die Paare zusammenzuhalten. Ob die Zielgruppe für rote, herzförmige Partnerhandschuhe wohl die Gleiche ist, wie die für unifarbene Jack Wolfskin Jacken - sie in M, er in L – ist? Gibt es eigentlich schon Studien darüber, wie sehr sich Paare im Laufe der Zeit angleichen? Nach dem Motto, Ähnlichkeitsfaktor nach drei Jahren, so um die 27 Prozent. Nach fünf Jahren liegt der Faktor dann bei 43 Prozent. Mir wird ein bisschen schlecht. In Gedanken schreibe ich die Frage aber auf meinen „to-googel“-Zettel. Da werde ich bestimmt etwas drüber finden, immerhin wird ja auch erforscht, wie ähnlich sich Hunde und Hundebesitzer sind. Ich kann nicht verneinen, dass auch ich eine Art Zwangshandlung entwickelt hätte – vor mir auftauchende Hunde-Herrchen-Kombinationen werden in sekundenschnelle abgescannt: Nase – Schnauze, Haarfarbe – Fellfarbe, Statur Hund – Statur Herrchen, Temperament Hund – Temperament – Mensch und so weiter. Anschließend ordne ich die beiden in meine innere „aha-so-ähnlich-sind-sich-also-Hund-und-Herrchen-Skala“ ein. Bei meiner letzten Analyse lag der Hund-Mensch-Übereinstimmungsquotient leider nur bei mickrigen 14 Prozent – auch wenn die Zeit meistens nicht ausreicht um zum Beispiel zusätzlich die Moralvorstellungen oder das Essverhalten der beteiligten Protagonisten auszuwerten. Bei der Bulldogge, die höchstwahrscheinlich ‚Karlo’ heißt und seinem Frauchen, dass höchstwahrscheinlich Marie-Luise heißt und entweder eine Eis-Prinzessin oder eine Zuckerwatte-Verkäuferin sein muss, kann ich einfach zu wenig Übereinstimmungen ausmachen. Schade eigentlich. Denn, für mich gilt, je mehr Zweibeiner-Vierbeiner-Übereinstimmungen, desto größer meine heimliche Freude.
Eine Frau mit einem weiß-rotem Regenschirm spaziert an mir vorbei. Ihr Gang ist schwerfällig. Der ihres Hundes auch. Wie man bei einem Baum die Jahresringe zählt, möchte ich mich in ihre Falten legen und eine nach der anderen, eine nach der anderen zählen.
Die Frau ist bestimmt 112. Und ihr Hund wahrscheinlich noch älter. Andererseits, was spielt das schon für eine Rolle? Wer so alt ist, sollte schließlich unzählige Falten mit sich herumtragen dürfen.
Sie könnte Schütze sein. Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit mag sie Schnitzel mit Jägersauce. Sie ist katholisch und folgt jedem Sonntag dem fordernden Ruf der Kirchenglocken.
Aber sie hat eine schwere Last zu tragen. Und das meine ich nicht symbolisch. Sie hat einen Buckel. Und ich spreche hier nicht von einem kleinen Bückelchen. Sie hat einen original „wär-ich-nicht-Frau-Wiebenfeld-wäre-ich-auf-jeden-Fall-der-Glöckner-von-Notre-Dame“-Buckel. Manchmal würde ich ihr im Vorbeigehen gerne kurz über den Buckel streichen. Nur mal ganz kurz anfassen um die Hand dann gleich wieder wegziehen. Ich weiß schließlich gar nicht, aus was so ein Buckel eigentlich besteht. Sind das Knochenausprägungen oder ist das einfach nur zähes, 112 Jahre altes Buckelfleisch? Oder ist es am Ende etwa ihre rostige, wunderschöne Rippenseele, die sich nach außen gebogen hat um dem Himmel näher zu sein?
Schweben.
Zwischenzustand.
Schwellenland.
Nicht vor und nicht zurück.
Alltag.
Zukunftsangst?
Wie kann ich über Zukunft reden oder schreiben, wenn ich meine Hand vor Augen kaum erkennen kann? Es ist so nebelig. Zukunft, was ist das überhaupt? Hat einer von euch die Zukunft schon mal persönlich getroffen? Wenn ja, wie sieht sie aus? Ich sage jetzt einfach mal „sie“, wegen „die“ Zukunft – spricht allerdings auch nichts dagegen, dass es sich bei der Zukunft um einen langen Kerl mit haarigen Beinen handeln könnte.
Es begab sich eines Tages, da hatte ich das Glück, die Zukunft persönlich zu treffen. Unter uns gesagt, ich hatte sie mir ehrlich gesagt ganz anders vorgestellt.
Das Gespräch verlief ungefähr so:
Ich so: „Hallo Zukunft.“
Die Zukunft so: „Hallo Marlene.“
Ich so: „Mhmmm....“
Die Zukunft wieder so: „Hast du denn gar keinen Fragen? Jetzt wo du der Zukunft schon mal so nahe sein kannst? Ich meine, wer weiß, wann du dazu nochmal die Chance haben wirst?“
Ich so [allerdings denkend]: „Irgendwie hat die Zukunft einen seltsamen Klamottenstil – dieses silberne Ganzkörperoutfit und die blondgefärbten Haare – ein bisschen erinnert sie mich an Farrah Fawcett aus „Drei Engel für Charlie“ oder an die Darstellerin der 7-Millionen-Dollar-Frau.
Dann die Zukunft so: „Marlene, träumst du? Von mir?“ (Sie fährt sich mit ihren babyrosa-lackierten Nägeln durch die üppigen blonden Locken.)
Ich so: „Ne, Zukunft – ich überlege immer noch, was ich schon immer von dir wissen wollte – aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass man ja eigentlich gar nicht so genau wissen sollte, was die Zukunft für Überraschungen für einen bereit hält. Ähnlich wie bei dieser Sache mit den Wimpern und den Wünschen. Da redet man ja auch nicht drüber.“
Darauf Zukunft so: „Pfffffff…. „
(Sie guckt mich von der Seite und zieht ihre Lippen zu einem Schmollmund und trägt etwas korallfarbenen, klebrigen Lippgloss auf.)
Ich so: „Zukunft, bist du jetzt beleidigt?“
Ich weiß nicht mehr genau wie das Gespräch endete, aber ich meine dass die Zukunft noch was von Fata Morganistischen Strukturen murmelte, die sich hier auftun würden. Schließlich wüsste doch jedes kleine Kind, dass die Zukunft kommen wird. Komme was wolle.
Aber so ist das mit den Vorstellungen und Erwartungshaltungen – als Kind zum Beispiel habe ich die Geschichte von Ronja der Räubertochter geliebt. Zuerst wurde sie uns Kindern zum Einschlafen vorgelesen, später als wir selber säckeweise Lesestoff aus der Bibliothek schleppten, las ich die Geschichte von Ronja Räubertochter bestimmt weitere 14 ½ Mal. Ich hatte meine genauen Vorstellungen von Ronja, von Birk und von den kleinen „Wiesututsiedasblus?“. Später, in einem Film- und Fernsehanalyse-Seminar im Grundstudium, sah ich zum ersten Mal die Verfilmung der Geschichte. Mein Inneres war empört, über das was es sah. Keine Frage, der Film war nett gemacht, aber so sah Ronja einfach nicht aus. Und Birk schon gar nicht. Und so lachten sie auch nicht. Zumindest nicht in meinem Kopf.
Als das Seminar vorbei war, lief ich ein bisschen traurig, am Fluss entlang nach Hause. Denn es war schon wieder passiert. Ich hatte ein Stück meiner Kindheitserinnerung verloren. Die Bilder des Films waren stärker und präsenter als die meine kindliche Phantasie. Und sie haben sich einfach deckend und schwerfällig über meine eigenen zarten Bilder gelegt.
So ist das mit den Erinnerungen, sie können schön sein, sie können schmerzlich sein, aber ich hüte sie wie einen Schatz, denn es kann schneller gehen, als man denkt, dass man sie verliert.
Vor einigen Monaten wachte ich schweißgebadet auf. Ich hatte geträumt, mein Vater würde mir an einer Kreuzung auf einem Zebrastreifen entgegen kommen. Ich weiß, dass ich mich noch im Traum fragte, wie das möglich sein könnte, schließlich war mein Vater bereits seit fünf Jahren tot. Wir begegneten uns etwa in der Mitte der Kreuzung, ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Mit großen, erwartungsvollen Augen blickte ich ihn an – er trug einen blauen Trekkingrucksack auf dem Rücken und auf seinem Kopf tanzten die wuscheligen Locken ihren ganz eigenen Tanz. Die beiden verschmitzten Grübchen an seinen Mundwinkeln befanden sich noch immer an der gleichen Stelle. Mein Herz klopfte laut. Ich hoffte, er würde mein Herz nicht hören, so laut und fest wie es gegen meine Brust schlug. Ich ging direkt auf ihn zu – doch er blickte durch mich hindurch. „Arno?“ Keine Reaktion. Ich umfasste sein Handgelenk, er schaute mich irritiert an. Mein nächster Versuch: „Papa?“ Meine Stimme zitterte.
„Es tut mir leid, Sie müssen mich wirklich verwechseln.“ Ich schluckte. Die Zebrastreifen verschwammen aus meinem Sichtfeld: weiß, schwarz, weiß, schwarz, grau… Meine Knie gerieten ins Wanken. Das kann nicht sein, dachte ich noch. „Papa, ich bins. Marlene…“ flüstere ich. „Wie gesagt, dass tut mir leid, aber ich bin wirklich nicht der, für den Sie mich halten, ich habe außerdem gar keine Tochter.“ Mit einem sanften Griff löste er sein Handgelenk aus meiner schweißnassen, verkrampften kleinen Hand – ich hielt ihn schließlich noch immer fest umklammert. „Oh, oh… Entschuldigung…“ stammelte ich. In diesem Moment wache ich auf. Ich habe ewig nicht mehr von ihm geträumt, ich drücke mein heißes Gesicht in die Oberfläche des Kopfkissens. Ein kleiner Druckknopf piekt in meine linke Schläfe. Ich bin irritiert, wie nah und realistisch sein Gesicht, seine Gestik und seine Mimik wirkten. Ich hole tief Luft, ich rieche ein bisschen Meer, ein bisschen Wald und dann bin ich wach.
Plötzlich bemerke ich, dass ich Schwierigkeiten habe, das Gesicht aus dem Traum zu rekonstruieren. Das Gesicht meines Vaters. Ich habe Angst, dass sein Gesicht irgendwann ganz aus meiner Erinnerung verschwinden könnte.
Vielleicht sind die Menschen auch deshalb so besessen darauf, alle ihre Erinnerungen akribisch festzuhalten? Wisst ihr was ich meine – was zählt heutzutage noch ein Urlaub ohne entsprechende fotografische Beweise? Irgendwann zweifelt man wohlmöglich selbst daran, dass man wirklich da gewesen ist. Wir halten jede Kleinigkeit auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder StudiVZ fest. Wann wir wo waren. Mit wem. Und warum. Und wieviele.
Und die anderen halten dann fest, wie sie das finden. Im Idealfall gefällt es ihnen. Klick. Daumen hoch. Wir teilen unsere Erlebnisse, die in dem Moment schon zu Erinnerungen werden. Festgehaltene Erinnerungen in digitalen Schau-Käfigen. Wie Tanzbären auf glühenden Kohlen hüpfen unsere Erinnerungen durch die digitalen Sphären. Lebenströme wabern und fließen in Echtzeit um einen herum. Du kannst jederzeit an allem teilhaben. Wie soll ich denn an die Zukunft denken, wenn ich so damit beschäftigt bin, meine Gegenwart zu konservieren?
Wie aus dem Nichts landet ein kleiner, zartschimmernder Insektenflügel auf meiner Schulter. Grau-blau-metallic. Ich werde wohl nie fliegen können. Und wohl nie erfahren, ob ich Flugangst habe. Hätte. Haben würde, flöge ich. Obwohl ich das mit dem Fliegen schon seit Jahren trainiere. In diversen Träumen. Ich habe schon die unterschiedlichsten Flugtechniken getestet:
Von der Klippe, zosch.
Mit Anlauf, Zack.
Etwas anstrengender, aber in den letzten Jahren mein Favorit:
Die Pumptechnik, fump fump fump.
Stärkt außerdem zusätztlich die Armmuskeln.
Ich denke darüber nach, ob es dem älteren Paar, welches vorhin meinen Weg kreuzte, wohl pietätlos erschien, dass ich mit Kopfhörern in den Ohren auf meinem Fahrrad an ihnen vorbeiraste?! Wir befanden uns schließlich auf einem Friedhof. Dann denke ich an meinen Vater und bleibe stehen. Und lache. Denn er hätte auch gelacht.
Die Grabstelle ist verwildert, neben dem Rosenstrauch ist ein Ahorn gewachsen. Gut einen Meter hoch muss er sein. Ich war wohl schon länger nicht mehr hier. So wie andere Leute das Wachstum ihrer Kinder mit bunten Strichen neben dem Türrahmen markieren, bemesse ich den Zeitraum, seit dem mein Vater gestorben ist. Ahornbäumchen einen guten Meter hoch, macht ca. ein halbes Jahr nicht hier gewesen. Fünf Ahornbäume, zwei Lavendelsträucher, einen Buchsbaum, ein Maulwurfshügel – macht knapp sechs Jahre.
Die Luft ist feucht, das Gras ist weich. Zum Glück können Ameisen ein Vielfaches ihres eigenen Gewichtes aushalten, denke ich, bevor ich mich auf die Wiese plumpsen lasse. Der Wind sortiert meine Haare neu. Nach seinem Prinzip.
Aus den Augen, aus dem Sinn. Am besten sollte ich meine Gefühle auf dem Schwarzmarkt verkaufen. An den Höchstbietenden. Oder kennt ihr jemanden, wo das so einfach funktioniert hat, aus den Augen aus dem Sinn? Wann war die Vergangenheit denn einfach? Wann roch es zuletzt nach Zimtsternen und Geborgenheit?
Ich sehe noch einmal auf den roten Farbfleck und blicke dann dem hypothetischen, interpretationswilligen Psychiater fest in seine kleinen Schweinsäuglein und frage ihn: „Auf einer Farbskala von gelb bis rot, wie fühlen Sie sich?“
„Man kann Farben fühlen?“
Sicher kann man Farben fühlen. Man kann Farben sogar schmecken. Und Zahlen haben Farben. Und Gerüche lege ich einen kleinen Schubladen ab. Musik hat Textur. Geräusche sind kleine Tiere. Stimmen sind Gewässer. Eltern sind Kreise. Licht ist Temperatur. Bilder sind Gefühle. Du bist ich. Und mein Herz könnte auch die Übereste einer kleinen Tontaube sein.]
…dass wir gemeinsam am Deich entlang spazieren und der Wind durch unsere Haare und unsere Gedanken weht. Du rennst ein Stück vor, drehst dich lachend um und läufst rückwärts weiter – der Wind fegt dir die Kapuze deines Pullovers vom Kopf. Ich muss auch lachen und gebe dir gestikulierend Zeichen, damit du nicht übermütig gegen die Fahrradfahrerin stolperst. Du bleibst stehen, deine Arme sind ausgestreckt und warten auf mich. Wir bleiben mitten auf dem Weg stehen und gucken auf den Fluss, wir träumen von einem Leben auf einem Hausboot oder wie es wäre, als Möwe den ganzen Tag hinter frischen Fischen herzujagen. Ich hole tief Luft und dein Atem kitzelt in meinem Nacken, so dass sich meine Nasenspitze kräuselt.
Nachts wache ich auf und fahre mit meinen Fingerspitzen die Konturen deines Gesichtes ab, deine Wangenknochen entlang – ich küsse deine Augenbrauen und kuschel mich zurück unter die Decke. Vielleicht treffen wir uns im Traum, besprechen wir, bevor wir einschlafen.
Ich habe meine hellgraue Jogginghose an und trage dein weißes Unterhemd. Es riecht nach dir. Meine Haare sind zu einem losen Knoten zusammengebunden. Die Espressokanne steht auf dem Herd und ich höre das Wasser deiner Dusche. Die Aufbackbrötchen warten im Ofen. Du kommst rein und schüttelst deine nassen Haare so, das ich blinzeln muss. Ich setze mich auf die Fensterbank und wärme meine Füße an der Heizung. Die Knie habe ich ans Kinn gezogen und du lachst mich an. Ich lese dir aus dem Artikel vor, den ich angefangen habe, während du duschen warst. Du tröpfelst vorsichtig Balsamico und Olivenöl über die Tomaten und den Mozzarella. Ich zupfe einige Blätter vom Basilikum. Das sind unsere ersten Tomaten dieses Jahr, es sind nur drei, aber du hast mir versprochen, das sie gerade deswegen besonders lecker sein werden.
Deine Schuhe liegen übereinander gewürfelt neben der Wohnungstür, meine stehen fein säuberlich aufgereiht daneben.
Wir schlendern über den Flohmarkt und ich kaufe einen kleinen alten Zuckertopf mit kitschigen Blütenranken. Wir überlegen uns ein paar alte Schallplatten mitzunehmen und sie im Flur neben dem großen Poster der Fotografie-Ausstellung aufzuhängen.
Wir klettern durch die Luke aufs Dach und gucken in den Sternenhimmel, ich lege mich auf den Rücken auf die Wellpappe und suche den kleinen Wagen in den Sternen. Es ist kühl, ich habe eine Gänsehaut. Wir trinken Beck’s, du erzählst von deinem Tag. Die dunkle Ruhe der Nacht wird hin uns wieder durch vorbeifahrende Autos oder eine Krankenwagensirene durchbrochen. Du legst deinen Kopf an meine Schulter und ich fahre vorsichtig durch deine Haare. Wir trinken noch ein Bier, bevor wir lachend durch die Luke zurück ins Haus klettern. Du fragst, ob wir den Rotwein noch aufmachen wollen, wir sitzen am großen Holztisch in der Küche, den wir selber zusammengebaut haben und verlieren uns in Gesprächen. Das Radio läuft im Hintergrund, die Musik erinnert an die 20er-Jahre. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist es halb vier. Wir müssen morgen beide arbeiten. Mit den Zahnbürsten und Schaum im Mund schneiden wir vor dem Spiegel Grimassen. Die Bettwäsche riecht frisch und meine Füße verstecken sich zwischen deinen, bis mir warm genug ist. Träum schön, Kleine – flüsterst du mir ins Ohr. Ich bin schon fast eingeschlafen aber nicke noch. Du auch, murmle ich lächelnd.
Manchmal wünsche ich mir, dass die Zeit einfach stehen bleibt.
(fyi: frei nach nordfischbabys Stücken erfundene Gedanken)