Rote Bete zum Weinen

Ein Samstagnachmittag wie ich ihn mir schon seit Tagen gewünscht hatte. Zwei anstrengende Termine am Donnerstag und Freitag irgendwo in Deutschland hatte ich hinter mich gebracht. Am Freitagabend hatten wir dann endlich begonnen, das Wochenende einzuläuten. Zwar hauptsächlich auf dem Sofa, aber entspannt und mit einem lecker-erfrischenden Drink – Koriander, saftige Minze, frische Gurke, große Eiswürfel, Gin und Ginger Beer hatten sich zu etwas Köstlichem vermischt.

Als ich dann heute Mittag nach Hause spaziere, hetzt mich niemand. Ein entspannter Blick nach links, ein kleines Schaufenster auf der rechten Seite begutachten, stehenbleiben, durchatmen. Es nieselt, mein kleiner, dunkler Regenschirm mit den weißen Punkten schützt mich vor den Tropfen und schirmt mich auch ein klitzekleines Bisschen vor der Welt da draußen ab. Ich trage heute meine Brille, ich trage sie nicht oft und gerade bei Regen ist sie eher unpraktisch – sie beschlägt und kleine Tropfen verfangen sich an den Gläsern. Aber das macht nichts, ich habe heute Lust mich dahinter zu verstecken, um wie ein kleiner Biber, nur ab und zu dahinter hervorzulugen.

Ich blicke auf mein Handy. Eine Whatsapp-Nachricht von meiner Mama. Sie müsste gerade ungefähr mit dem Unterricht fertig sein und Feierabend haben. In der Nachricht kein Text. Nur ein Foto. Regentropfen fallen auf das Display. Ich kann das Bild nicht genau erkennen. Die Ampel wird grün, ich stecke das Handy zurück in meine Manteltasche. Zusammen mit den anderen nassen Menschen, schiebe ich mich über die Kreuzung. Ich gehe weiter und hole das Handy zurück aus der Tasche. Ich klicke auf das Foto. Es sieht bunt aus, alles voller Blumen. Vor einem Schaufenster.

Genusshaus Bremen, Schaufenster mit Blumen

Es ist das Schaufenster vom Genusshaus in Bremen. Das Genusshaus zählt zu meinen liebsten Läden im Viertel. Ich liebe Gemüse und Obst. Im Genusshaus gibt es allerlei Köstlichkeiten. Baby-Mangold, saftige Zitronen mit grünen Blättern, sardische Tomaten mit ganz besonderem Aroma, Schafskäsecreme mit drei verschiedenen Sorten Chilli, knuspriges Brot, von innen ganz weich, Fleur de Sel in verschiedenen Varianten und seit einigen Wochen auch köstliche Rote Bete. Aus Frankreich. Gebacken.

Ich blicke zurück auf das Foto. Der Laden sieht geschlossen aus. Seltsam. Samstagnachmittag gegen 14 Uhr – quasi die Prime-time für den Laden mit den sympathischen Besitzern. Die beiden, ich glaube sie sind Brüder, sind im Bremer Viertel sowas wie eine Instanz. Gerne schlendere ich nach der Arbeit dort vorbei, lasse den Stress hinter mir und schlendere verträumt von Regal zu Regal. So lange, bis einer der Beiden mich mit einem lustigen Spruch aus den Gedanken weckt und mir mir irgendeine kleine, neue Köstlichkeit anpreist. Zum Beispiel gebackene Rote Bete aus Frankreich. “Na, träumst du wieder?” – lustige, dunkelbraune Augen blinken mich verschmitzt an. Unwillkürlich muss ich zurücklächeln. “Ich hab genau das richtige für dich! Gebackene Rote Bete. Superlecker – einfach hauchdünn aufschneiden, nur mit etwas gutem Olivenöl, gutem Salz und etwas Pfeffer bestreuen. Wenn du magst, nimm’ noch ein Stückchen Schafskäse dazu. Muss man aber nicht unbedingt – ist auch so köstlich!”. Da kann ich natürlich nicht nein sagen – ich habe selber jahrelang in einem Gemüseladen gearbeitet und kann köstlichen Verlockungen einfach nicht widerstehen. Ich werde die gebackene Rote Bete danach noch sehr oft kaufen – mal mit Schafskäse dazu und mal ohne. Denn sie ist echt köstlich, diese Rote Bete.

Mein Blick fällt zurück auf das Foto. Ich sehe, dass ein Schild im Fenster hängt. ich kann die Schrift nicht genau erkennen, ich lese nur in großen Buchstaben: “RECEP”. Recep? Das ist doch der große und schlaksige Besitzer, der mit den wild-welligen Haaren und der Haarsträhne, die ihm immer ins Gesicht fällt, wenn er die Preise von Mango, Ziegenkäse, Walnüssen und Co auf dem großen Stück Packpapier neben der Kasse aufschreibt und zusammenrechnet. Recep, der der fast immer lacht und kleine Geheimtricks und Empfehlungen für seine Kunden bereithält. Was ist mit Recep? Mir gehen im Zeitraffer ein paar Gedanken durch den Kopf. Machen sie etwa den Laden zu? Sie machen das jetzt seit bestimmt 20 Jahren, ich meine sowas steht auf ihrem Genusshaus-Transporter. Haben die lustigen Jungs etwa keine Lust mehr? Wurden die Mietpreise so drastisch erhöht, dass sie aus dem Laden müssen? Und jetzt machen sie noch einen Ausverkauf der farbenprächtigen Schnittblumen und Topfpflanzen? Komisch, so ganz ohne Ankündigung alles…

Ich antworte meine Mutter, dass ich eh gerade fast auf der Höhe des Ladens sei, den Text auf dem Schild nicht lesen könne und gleich selbst eben gucken würde. Ein paar Meter vor dem Laden erkenne ich meine Mutter, die neben ihrem Fahrrad vor dem laden steht. Im Fahrradkorb liegen ein paar crémfarbene Tulpen. Aus Frankreich. Ich gucke in ihr Gesicht. Da sind Tränen. Das ist kein Regen. Ich drehe mich zum Schaufenster. In dem Moment ergeben die Buchstaben auf dem Schild plötzlich Sinn: Recep ist tot.

Ich merke, wie auch mir sofort die Tränen kommen. Ich hinterfrage kurz, ob das irgendeine Art von Scherz oder Traum sein kann. Das ist eine Technik, die ich mir angeeignet habe, als mein Vater vor ein paar Jahren gestorben ist. Es gibt immer die Option, dass alles nur ein Traum sein könnte – das prüfe ich nun regelmäßig in Situationen, mit denen ich nur schwer umgehen könnte. Leider ist es kein Traum. Ich blicke auf die ganzen Blumen und Pflanzen, die vor dem Fenster stehen. Auf dem Schild steht, dass jeder sich gerne eine der Blumen als Erinnerung an Recep mitnehmen kann. Ein älterer Mann mit silbergrauen Haaren tritt aus dem Laden und spricht uns an. Ob wir Recep auch kannten. Ob wir auch gerne im Laden waren? Später weiß ich leider nicht genau, ob ich ihm überhaupt geantwortet habe. Er erklärt uns kurz, dass die Familie sich jetzt erstmal etwas zurückziehen wird und dann werden sie in Ruhe entscheiden, wie sie mit dem Laden weitermachen werden. Er ermuntert mich, mir eine schöne Blume als Andenken zu nehmen. Mein Blickfeld erinnert mich an das von Monet. Das kleine Blumenmeer vor dem Schaufenster verschwimmt zu farbigen Klecksen vor meinen Augen. Ich denke an die Seerosenteiche, die Monet über die Jahre hinweg immer unschärfer und weicher werden ließ. Ich denke an die gebackene, köstliche Rote Bete und schmecke die salzigen Tränen, die unter meiner Brille hervorkullern.

Tulpen zum TräumenIch nehme mir eine kleine orange-gelbe-Tulpe im Topf und laufe gemeinsam mit meiner Mutter durch den feinen Nieselregen zu mir. Wir kommen in meine Wohnung, machen die Heizung an und setzen eine große Kanne Tee auf. Ich stelle den kleinen Blumentopf in eine grüne Schale. Auf dem Blumentopf steht “Tulpen zum Träumen”. Das ist traurig und auch schön zugleich. Wir müssen ein bisschen lachen.

Ich wünsche der Familie von Recep alles Gute und hoffe, dass sie einen Weg finden werden, mit dem Verlust umzugehen. Ich werde ihn jedenfalls vermissen und der Laden der Jungs hat mir und bestimmt auch ganz vielen anderen im Viertel neben tollem Obst und Gemüse auch schon viele sympathische und witzige Situationen beschert. Die Atmosphäre war immer sehr freundschaftlich und ich bin immer sehr gerne in dem Laden gewesen. Und meine kleine, tapfere Tulpe duftet übrigens ganz wunderbar.

4 Kommentare

Eingeordnet unter web 2.0

Auf Reisen…

20131024-170450.jpg

Hinterlasse einen Kommentar

24. Oktober 2013 · 16:03

Schlussstrich

Woran merkt ihr eigentlich, wenn es Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen?

Alice im Wunderland via http://seefaandreaislam.wordpress.com(Foto: Alice im Wunderland via http://seefaandreaislam.wordpress.com)

Ich glaube, mir ist diese Eigenschaft vor einigen Jahren oder Monaten abhanden gekommen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht mehr so genau, wann ich diese Eigenschaft das letzte Mal gesehen habe. Das es mir echt schwer fällt, Entscheidungen zu treffen, das weiß ich ja nun schon länger, ob man sich das “abtrainieren” kann, das weiß ich hingehen nicht, jedenfalls habe ich noch nicht herausgefunden wie. Aber einen Schlussstrich zu ziehen, ist das nicht noch viel schlimmer, als eine Entscheidung zu treffen? Oder ist es einfach nur eine der schlimmsten Entscheidungen?

Wenn man auf einmal merkt, dass einem Sachen nicht mehr so gut tun, wie sie es mal taten, oder man bemerkt es erst jetzt und vielleicht waren sie noch nie so richtig gut für einen oder das Richtige für einen – was macht man denn dann? Wann lohnt es sich für etwas zu kämpfen und wann lässt man es einfach bleiben? Ist das Leben nicht eigentlich viel zu kurz, um so viele Sachen zu (mitzu)machen, die einem gegen den Strich gehen? Oder dabei ist es doch piepegal, ob es dabei um den Job geht, die Familie, die Beziehung oder den nächsten Drink.

Manchmal denke ich auch einfach: “This World Sucks, So I Made My Own”. Zumindest könnte man ja einfach mal damit anfangen :)

2 Kommentare

Eingeordnet unter inspiration, me

Mit Musik auf den Ohren (geht da alles leichter?)

BildIch habe in den letzten Wochen ganz gemütlich die neuen Citiscape Downtown Kopfhörer von PHILIPS getestet. Kurz vorweg, ich höre gerne und viel Musik, ich habe mich zwar inzwischen von fast allen nicht-virtuellen Datenträgern getrennt, aber ich kann nicht ohne meine Musik. Zum Duschen, auf dem Fahrrad, im Zug, bei der Arbeit, beim Aufräumen, beim Abspacken… Ihr kennt das :) Aber auch wenn ich gerne und viel Musik höre, bin ich bisher tatsächlich mit den Standard-Kopfhörern vom iPhone völlig zufrieden gewesen. Die Musikqualität passte einigermaßen und sie sind schlicht und leicht. Trotzdem habe ich die Kopfhörer von Philips natürlich sehr gerne getestet. Auch wenn ich eigentlich immer noch ein bisschen angefressen bin, das Philips nicht kulant genug war, mir meine teure, aus mir nicht erklärbaren Gründen spontan in Rauch aufgegangene elektrische Zahnbürste zu ersetzen, will ich ihnen nochmal einen Chance geben. Und in diesem Fall hat sich das echt gelohnt!

Zu den neuen Headphones hat Philips auch eine größtenteils sehr sympathische Kampagne gestartet: “You Need To Hear This”.

BildIch muss mich schon noch ein bisschen daran gewöhnen, dass ich mit Kopfhörern auf dem Kopf automatisch noch ein klitzekleines bisschen mehr in meiner eigenen Welt bin. Von draußen hört man gar nichts mehr. Und heimlich mit Kopfhörern Fahrradfahren geht mit den Teilen auch echt nicht (ich weiß, das sollte man natürlich auch nicht) – aber ab und zu gehört cruisen mit Musik für mich einfach dazu! Jetzt cruise ich zwischendurch aus Versehen einfach so durch die Straßenbahn oder mein Wohnzimmer mit den neuen Kopfhörern – schick sind sie übrigens auch, cremefarben mit Silber. Hihi.

Fazit: Der Klang ist super, die Umgewöhnung von In-Ear-Kopfhörern zu den Citiscape Downtown Headphones dauerte (für mich) etwas länger, aber die Qualität hat mich überzeugt :)

Bild

*Update: Aktuell verlost PHILIPS mit “You need to hear this” übrigens gerade auch Karten fürs Melt Festival: http://noisey.vice.com/de/read/das-ist-unsere-yntht-bhne-auf-dem-melt-festival

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter inspiration, Musik, sponsored story

“Alles gleichzeitig zu tun, reduziert alles zur Bedeutungslosigkeit.”

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Gin Basil Smash Fitcher’s Vogel

20130606-220841.jpg

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Zuglektüre

20130604-130439.jpg

Hinterlasse einen Kommentar

4. Juni 2013 · 12:04