Schlussstrich

Woran merkt ihr eigentlich, wenn es Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen?

Alice im Wunderland via http://seefaandreaislam.wordpress.com(Foto: Alice im Wunderland via http://seefaandreaislam.wordpress.com)

Ich glaube, mir ist diese Eigenschaft vor einigen Jahren oder Monaten abhanden gekommen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht mehr so genau, wann ich diese Eigenschaft das letzte Mal gesehen habe. Das es mir echt schwer fällt, Entscheidungen zu treffen, das weiß ich ja nun schon länger, ob man sich das „abtrainieren“ kann, das weiß ich hingehen nicht, jedenfalls habe ich noch nicht herausgefunden wie. Aber einen Schlussstrich zu ziehen, ist das nicht noch viel schlimmer, als eine Entscheidung zu treffen? Oder ist es einfach nur eine der schlimmsten Entscheidungen?

Wenn man auf einmal merkt, dass einem Sachen nicht mehr so gut tun, wie sie es mal taten, oder man bemerkt es erst jetzt und vielleicht waren sie noch nie so richtig gut für einen oder das Richtige für einen – was macht man denn dann? Wann lohnt es sich für etwas zu kämpfen und wann lässt man es einfach bleiben? Ist das Leben nicht eigentlich viel zu kurz, um so viele Sachen zu (mitzu)machen, die einem gegen den Strich gehen? Oder dabei ist es doch piepegal, ob es dabei um den Job geht, die Familie, die Beziehung oder den nächsten Drink.

Manchmal denke ich auch einfach: „This World Sucks, So I Made My Own“. Zumindest könnte man ja einfach mal damit anfangen 🙂

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Regeln

Manchmal frage ich mich, ob das ganze Leben eigentlich aus Regeln besteht…

Es gibt die Regel ans Telefon zu gehen, wenn es klingelt.
Aber was ist, wenn ich nicht will?

Es gibt die Regel die Tür hinter sich abzuschließen.
(„Damit keine Junkies ins Haus kommen!“)

Sonntags gucken wir Tatort.
Oder wir gucken es Montag dann nach, in der Mediathek.

Am Anfang der Woche trifft man sich nicht. Am Ende schon.

Man ruft besser nicht zuerst an.

Ohne Zähneputzen geht es nicht ins Bett.
(Und das obwohl man jetzt 30 ist und es einem doch auch einfach mal kackegal sein könnte).

Wenn das Flugzeug abhebt halte ich kurz die Luft an.

An Heiligabend besuche ich das Grab von meinem Vater. (Es ist schön da).

Morgens bin ich müde. (Nur am Wochenende geht es).

Man überlegt lieber zweimal, statt das zu sagen, was man gerne sagen würde. (Meistens).

Lieber nichts sagen, als verletzt werden.

Sich zurückziehen. (Dann kann einem keiner weh tun.)
(Aber das tut auch weh. Nur anders.)

Wenn Michael Jackson läuft muss ich immer noch mitwippen.
(Das wird wohl immer so bleiben).

Wenn man Tierbabys sieht, lächelt man. (Gilt eigentlich immer).

Wenn ich dich sehe oder an dich denke, lächle ich. (Gilt eigentlich fast immer).

Nahsein ist schön. (Finde ich).

Der Geruch von Mangos erinnert an den Sommer. (Der von Erdbeeren auch).

Große Erdbeeren aus Holland kauft man nicht. (Schon gar nicht im März).

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Man geht nicht hinter die Absperrung. (Auch wenn es da schöner ist).*

*Doch, geh mal dahinter!
(Die Absperrung meine ich. Trau dich einfach. Es ist okay denke ich!)

Eigentlich ist…

…schon fast Weihnachten. Ist schon fast Silvester. Ist schon fast 2012. Ist schon fast ich bin erwachsen. Ist schon fast ihr seid erwachsen. Ist schon fast alles vorbei. Ist schon fast alles fängt an.

Ich esse unglaublich gerne grüne Tabasco-Sauce. Auf vegetarischen Nuggets. In einem Wrap. In einem Curry. Auf mein Tomaten-Käsebrot. Jalapeño. Mit einem scharf-gesprochenen „chchch“ am Anfang. So, dass es im Gaumen kitzelt. Ein weiches „nnnn“ in der Mitte, dass einen an wohlgeformte, warme Brüste erinnern lässt.

Ich trinke ein Glas Rotwein und schreibe diesen Text. Anders. Ich schreibe diesen Text und schreibe darüber, dass ich ein Glas Rotwein trinke. Das bringt mich dazu ein Glas Rotwein trinken zu wollen. Aber weil es hier an der Heizung viel viel wärmer ist als in der Küche, ist es gerade quasi unmöglich Richtung Küche zu huschen und mir reinen Wein einzuschenken. Also schreibe ich eben weiter davon, wie gerne ich jetzt ein Glas Rotwein tränke. Und trinke keinen Rotwein.

Draußen ist es kalt. Nass. Neblig. War nicht gerade eben noch Sommer? Einmal eingeatmet und schon ist aus Versehen sibirischer Winter? Wenn ich abends mit dem Fahrrad fahre, kriecht die Kälte unter meine blaue Wollmütze, sie tanzt an meinen Fingerspitzen entlang und legt sich in meinen Nacken. Das sind Momente, in denen ich mich an die warmen Jalapeño-Brüste schmiegen möchte um nicht zu erfrieren.

Manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen online und offline. Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt noch Grenzen gibt? Dann wiederum frage ich mich in einem harschen Ton erneut, wie ich darauf kommen konnte, online und offline könnten eins sein. Es ist ein neuer sozialer Raum entstanden, der uns umgibt, mit dem wir uns umgeben. Es ist wie eine Wolke aus Wortfetzen, Gedankenströmen, Links und Bildern, Songs und Gefühlen, Likes und Comments, Streams und Push  Notifications. Ich bin jetzt hier. Und gleichzeitig da draußen bei euch. Und gleichzeitig seid ihr hier bei mir.

(Ich habe es in der Zwischenzeit übrigens in die Küche geschafft. Gleich gibt es Wein. Das sollte euch nicht beunruhigen. Im Gegenteil, meine Gedanken benehmen sich einen Großteil der Zeit sowieso absurd. Da kommt es auf Glas Rotwein mehr oder weniger nicht an.)

Vorm Edeka an der Ecke stand heute und älterer Mann. Ich schätze er war 57, könnte aber auch sehr gut als 63 durchgehen. Er spielte Ziehharmonika. Er wirkte auf mich osteuropäisch, das mag jetzt nach einem verflixten Vorurteil klingen, das macht aber nichts, denn ich meine es nicht so. Er trug eine blau-rote Jacke, der Haaransatz war ein wenig schütter und seine Hände steif und rot von der Kälte. Manchmal wünsche ich mir ich hätte besondere Fähigkeiten. Und damit meine ich jetzt nicht diese „8-Millionen-Dollar-Frau-Night-Rider-Scooby-Doo-A-Team“-Fähigkeiten – nein, manchmal wünsche ich mir, ich könnte Lebensgeschichten im Zeitraffer vor mir ablaufen sehen. Ich blicke der gewünschten Person kurz in die Augen um mir die Zugangsberechtigung zu seinem Leben abzuholen und dann würde es losgehen. 16 zu 9. Oder schwarz weiß und flackernd. Wie ein Daumenkino, dass sich durch meine Gedanken wälzt.

Wenn ich mir noch eine Fähigkeit wünschen dürfte, wäre es im Nachhinein sehen zu können, wo man Personen, die man erst seit einem bestimmten Zeitpunkt kennt, vielleicht schon vorher rein zufällig gesehen hat. Also nicht gesehen hat. Wo sich die Wege schon einmal gekreuzt haben. Im Supermarkt. Am Bahnhof. Auf einem Konzert. Im Urlaub. In Berlin. Oder in der Achterbahn. Wobei ich letzteres für meinen Fall eher ausschließen kann, da ich glaube ich an einer Hand abzählen kann, wie oft ich schon Achterbahn gefahren bin. Das ich da schon die Wege von irgendjemandem gekreuzt habe, mag ich an dieser Stelle fast ausschließen.

Eigentlich ist auch schon fast Neujahr. Eigentlich ist schon fast Frühling. Eigentlich kann ich den Sommer schon fast wieder riechen. (Gut, dass kann jetzt doch auch am Wein liegen.)

Fusion 2011 – Ich mag es, wenn man mich Hippie-Mädchen nennt.

Ich beobachte, wie die Welt um mich herum mitwächst. Auf einmal können mir die Hunde nicht mehr direkt in die Augen blicken. Ich habe aufgehört, diese und jene Blätter von unterschiedlichen Bäumen zu probieren. Immer seltener berühre ich die Blütenblätter im Vorbeigehen. Aus Pusteblumen ist Löwenzahn geworden. Pfützen lächle ich nur noch aus der Entfernung verschwörerisch zu. Doch manchmal kommt alles ganz unerwartet und wir sind doch wieder Kinder.

Wir lassen uns von elektronischer Tanzmusik tragen. Schließen die Augen und lassen uns von den Beats treiben. Ich habe Lust dich zu umarmen. Sonnenstrahlen wärmen meine Wangen. Mit meiner linken Hand streiche ich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und lege sie hinter mein Ohr. Meine Füße bewegen sich konstant zu den Melodien. Obwohl ich die Augen geschlossen halte, lache ich. Und ich spüre, dass es euch nicht anders geht. Wir treffen an uns an diesen Orten um gemeinsam wieder Kinder zu sein. Die Mädchen tragen bunte Strumpfhosen und die Gesichter glitzern bunt. Federn schmücken die Haare und wäre ich ein Mops, würde ich in Heer unterschiedlichster Gummistiefel und von Freude und Matsch durchtränkten Stoffschuhen blicken. Wir stoßen an, in den milchigen Plastikbächern klopfen die Reste der Eiswürfel an den Rand. Kalter Rhabarber. Kalter Rum. Schmeckt mir.

Bunte Zelte sind in unterschiedlichsten Konstellationen und Formen angeordnet. Je länger die Menschen nicht duschen, desto schöner werden sie. Mein Kopf liegt fast auf der Erde. Zwischen uns nur die Wiese, der Zeltboden und die Luftmatratze. Wir vibrieren, die Bässe der Bühnen durchdringen unsere Körper. Es ist schwer zu sagen, ob es schon morgens ist, noch morgens ist oder wann morgen ist? Für einen kurzen Moment halten wir die Zeit an, ziehen Büros, und Bürostühle, und Eltern, und Briefe, und Rechnungen, und das Grau aus unseren Köpfen. Mehr Rum. Nicht mehr kalt. Trotzdem gut. Dazu TUC-Kekse mit Senfsoße. Quietschender Halloumi-Käse rundet das festliche Abendmahl ab. Wir essen mit den Fingern, es könnte kaum köstlicher sein. Wir sind die neuen Blumenkinder.

Regen tropft von unserer Stirn. Kitzelt meinen Nacken. Ihre Schuhe quietschen. Tanzend verdichten wir den Boden. Wir werden den Weg nach Mordor finden. Fast ekstatisch bewegen sich unsere Arme zu den Klängen. Die Sonne geht auf. Die Sonne geht unter. Sekt. Bier. Noch mehr Rum. Wasser. Viel Wasser. Sekt. Liebe.

Wir lassen uns treiben von den unterschiedlichen Farben und Formen. Ein elektronischer Rattenfänger führt uns durch das Dorf der Fantasien. (An dieser Stelle muss ich anmerken, dass Phantasie mit „Ph“ geschrieben, der Bedeutung des Wortes viel gerechter wird als die Verwendung eines schlichten „F’s“). Konzertfetzen dringen an uns heran. Auszeit. Wir liegen weil wir liegen wollen. Wir tanzen, weil es nicht anders geht. Grenzen verschwimmen. Es riecht nach Sonnencreme. Ich liege auf dem Rücken und blicke dem Himmel direkt ins Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange ich da liege und es spielt auch keine Rolle.

Erschöpft sitzen wir wieder im Auto. Fahren bei McDonalds ran, durstig und hungrig und erschöpft. Doch wir sind kaum in der Lage auch nur einen Bissen herunterzubekommen. Wir sind glücklich. Und aufgefüllt mit schönen Erinnerungen, die uns dabei helfen, die Zeit bis zum nächsten Jahr zu überbrücken.

Fusion 2011 – du warst wundervoll ❤

zeit. ver. treib.

Es macht mich glücklich, durch die Wellen der Zeit zu treiben. Die Zügel der kleinen Seepferdchen sind umklammert von meinen Fäusten. Gemeinsam wiehern wir der Gischt und den weißen Schaumkronen entgegen. Das Seepferdchen und ich. Uns kann nichts aufhalten. Wir sind mutig. Wir lachen der Gefahr ins Gesicht. Doch genauer hinzugucken, dass trauen wir uns heute noch nicht.

Es ist der kurze Moment, wenn sie sich von ihm, er sich von ihr, wir uns von ihnen, du dich von mir verabschiedest. Unser Lächeln trifft sich in der Mitte unserer Körper. Wenn man genau hinhört, kann man die kleinen gläsernen Geräusche hören, die wie zarte Kristalltropfen aneinanderprallen. Lächeln trifft auf Lächeln. Kurz sind unsere Herzen geöffnet und lassen den andern hinein, dann drehen wir uns um, wenden uns ab und schließen unsere Herzen wieder.

Die Kopfhörerstöpsel werden in die Ohren gesteckt. Musik aufgedreht. Wir schwanken zwischen so leise, dass man noch andere Gespräche mithören kann, so laut, dass man andere mit monotonen Bässen und auftretenden Höhen stört und so, dass wir einfach nur auf einer Welle der Musik schwimmen und weder Innen noch Außen wahrnehmen. Angenehme innere Ruhe. Trotz Musik. Trotzmusik.

zeit.ver.treib. in Berlin

Warum denkt man im glücklichen Moment eigentlich schon wieder an den Abschied? Was macht es so verdammt schwer, den Augenblick zu genießen? Warum muss man immer die Kontrolle behalten? Ist das vielleicht ein Grund, warum Menschen gerne Sex haben? Weil man im Augenblick der Zweisamkeit für einen kurzen Moment die Kontrolle über seinen eigenen Körper verlieren kann? Nichts zählt. Alles zählt. Und auf einmal hat der Moment die Kontrolle über einen und man selber ergibt sich lachend dem Moment.

Alltag. Tag für Tag . Tag für Tag für Tag werden To-Do-Listen abgearbeitet. Imaginäre. Auf Papier. Auf dem iPhone. Das Problem scheint sisyphus’scher Natur. Nichts hat ein Ende. Und alles geht von vorne los. Wir sehnen uns nach Zeit und Ruhe. Und sollten wir mal Zeit und Ruhe haben, wissen wir kaum etwas damit anzufangen. Überfordert vom Moment des Nichtstuns. Schnell lechzen wir nach digitaler oder analoger Ablenkung. Zeitvertreib. Statt Stille auszuhalten. Scheint fast noch schlimmer als zu viel zu tun zu haben.

Ich merke selber, wie schwer es mir fällt, einen einzelnen Gedanken zu verfolgen. Ein Buch zu lesen. Eine Seite zu lesen. Ich bin zu einem Springer in meinem eigenen Leben geworden. Ein Telefongespräch strengt mich an. Schon das Klingeln meines Telefons strengt mich an. Die Nummer meines Hausanschlusses haben nur vier Leute und mein Handy nutze ich eigentlich nicht zum telefonieren. Erwartungen strengen mich an. Schreiben strengt mich nicht an. Ich bin der Beobachter unter meinen Gefühlen. Ich warte ab. Ich interpretiere. Aber ich weiß auch, wie schön es ist, seinen Kopf auszuschalten.

Hätte ich eigentlich noch die Muße in Ruhe in der Badewanne zu liegen? Diese Frage kann ich nur schwer beantworten, da ich keine Badewanne habe und ich glaube es wäre reichlich unbequem in meiner Dusche rumzuliegen. Aber gesetzt den Fall, man badetete 45 Minuten oder eine Stunde? Die Badewannengänger unter euch, wie lange dauert eigentlich ein Durchschnittsbad? Badet man dann 45 Minuten ohne Ablenkung? Ohne iPhone? Neon? ZEIT? Murakami? Whats App? Twitter? Facebook? Wäsche waschen? Eis essen? Fahrrad reparieren? Kochen? Mails checken? Trinken? Tanzen? Essen kaufen? Arbeiten? Luft holen?

Eine Dreiviertelstunde lag nichts tun? Irre. Noch bis vor zwei Jahren habe ich jede Woche regelmäßig Yoga gemacht. 1 1/2 Stunden nur ich und der Moment. Handy aus. Sprache aus. Und im Idealfall auch Gedanken. Kann ich mir heute kaum vorstellen. Gedanken wirbeln und Ablenkung ruft. Aber immerhin kann ich eins gut: Einschlafen. Noch bevor mein Kopf das Kissen berührt bin ich quasi schon eingeschlafen. Mein persönlicher Anti-Reizüberflutungsmodus. Ich habe jahrelang hart trainiert, um die „oh guck mal ein Eichhörnchens“ dieser Welt auf Flugmodus zu schalten.

Manchmal wünsche ich mir ganz viel Zeit. Für dich. Für mich. Für uns. Und dann drehe ich kurz meinen Kopf zur Seite, weil vor meinem Fenster ein kleiner Vogel sitzt, der mir aufgeregt Baby-Eichhörnchen-Videos auf Youtube zeigen will.

Gedanken tanzen lassen

Wozu macht man eigentlich Sachen? Die Antwort liegt quasi auf der Hand – im Prinzip macht man Sachen um Sachen zu machen. Wie unglaublich schwer es mir fällt still zu stehen, still zu sitzen und meinen Gedanken beim Vorbeirauschen zuzusehen. Kontemplative Hingabe. Kontemplativ – das ist auch eins dieser Wörter, die ich im Laufe meines Lebens bestimmt schon 27 mal im Duden nachgeschlagen habe und 4 1/2 mal googelte. „Kontemplation (von lat. contemplare: „anschauen, betrachten“) bedeutet allgemein Beschaulichkeit oder auch beschauliche Betrachtung.“ (Quelle: Wikipedia) – im übrigen darf ich hier wohl als Quelle Wikipedia verwenden, es ist ja schließlich mein Blog.

Vor, zurück, rauf, runter, hinterher, wieder zurück, hab ich alles bedacht? An alles gedacht? Manchmal leide ich unter der Spannung, nichts zu tun – vermeintliche Entspannung verursacht bei mir dann Anspannung. Dabei finde ich Faultiere doch toll. Und Nichtstun noch toller. Aber in meinem Kopf kreiselt es, als würde ich auf einem Ameisenhaufen Kopfstand üben. Ich bin nonstop im Rauschzustand und dabei meine ich keine Drogen – sondern ein anderes, echtes Rauschen in meinem Kopf. Es kribbelt und denkt und seufzt und singt und tanzt und grübelt und liebt und schmerzt und dreht sich und singt und malt Muster – und mustert mal mehr und mal weniger.

Gedanken tanzen

Ich strukturiere meine Gedanken. Ich verwerfe meine Gedanken. Dann fahren wir ein bisschen Achterbahn. Und dann Wildwasserbahn. Und dann Heißluftballon. Und dann überlisten mich meine Gedanken mit einem Trojanischen Pferd. Aus Teakholz (Fair gehandelt natürlich). Aber mir nichts dir nichts, drehen wir uns wieder im Kreis.

Und nachts da träume ich. Ich träume in Farbe. Und es gibt kaum eine Nacht in der ich nicht träume. Aufwachen. Snoozen. Weiterträumen. Verarbeiten. Weiterträumen. Hat der Tag schon begonnen, oder träume ich noch? Oder träumt ihr und ich bin wach?

Ich trinke meinen Wein übrigens aus IKEA-Kindergläsern auf denen kleine gelbe und blaue Elefanten entlang spazieren. Sie lachen sich an. Ob es in ihren Köpfen wohl auch rauscht?

Mir war nicht immer klar, wie wichtig es für mich ist, mein Gegenüber während eines Gespräches genau betrachten zu können. Ich antworte, reagiere und in mir drinnen wird analysiert, abgewogen – manchmal habe ich das Gefühl zusätzlich die Gedanken meines Gegenübers mitzudenken. Als wär in einem Kopf alleine nicht genug los. Und dieser eine Kopf ist dann zufällig auch noch mein Kopf.

Aber ganz manchmal, da gibt es diese Momente, in denen ich die Zeit vergesse und an nichts denke und mich am liebsten für die Ewigkeit an diesen einen Moment festklammern möchte. Aber daran ist in diesem einen Moment dann gar nicht zu denken. Zumindest so lange, bis das Rauschen wieder einsetzt und dann ist es meistens zu spät, den Moment zu konservieren.

Denn die schönsten Momente lassen sich einfach nicht festhalten. So ist das eben mit diesen wunderschönen Momenten, da sollte man die Gedanken einfach tanzen lassen.

Sieben Wochen – Was wäre wenn.

Inspiriert von einem netten Gedankenaustausch mit dem Herrn @euphoriefetzen stellt sich mir heute Abend die Frage, was wäre, wenn ich sieben Wochen frei hätte? Warum gerade sieben Wochen? Es könnte auch vier oder vierzehn sein. Fest steht, es gibt so viele kunterbunte, flauschige, anstrengende, schöne, warme, kalte, dunkle, helle, falsche und richtige Sachen, die ich gerne erleben möchte.

Hätte ich sieben Wochen, ich würde gerne mal nach Finnland reisen und eine Nacht ohne Dunkelheit erleben. Ich möchte endlich kraulen lernen. Ich möchte eine Himbeertorte backen, am besten mehrstöckig (gibts das überhaupt?). Ich möchte meinen Opa besuchen, der im Moment Schwierigkeiten hat, sich daran zu erinnern, wann ich ihn zuletzt besucht habe – und der mit einem zitternden Lachen in der Stimme reagiert, wenn ich ihm verspreche, dass ich es zu seinem Geburtstag bestimmt schaffen werde. Ich möchte mit dem Fahrrad nach Hamburg fahren. In Hamburg möchte ich auf dem Longboard den Deich entlang düsen. Ich möchte mir  für mindestens zwei Stunden eine Pandamütze ausleihen. Ich möchte nach Berlin fahren und einen Cocktailabend nachholen. Ich möchte drei Tage am Stück tanzen. Ich möchte mich in eine fremde Jacke einkuscheln und der Sonne beim Aufgehen zusehen. Ich möchte endlich meinen Wohnzimmer-Fußboden wischen. Und meinen Badezimmerspiegel. Ich möchte einen riesigen Wildblumenstrauß auf meinen großen Tisch stellen. Ich will nach Istanbul fliegen und durch die versteckten Gassen schlendern und Farben riechen und Menschen beim Leben zusehen. Ich möchte auf einem Baum sitzen und stundenlang Wörter, Wortketten, Sätze und Geschichten in mein Notizbuch schreiben. Ich möchte mein Fahrrad mit warmen, seifigen Wasser putzen. Ich möchte Karamellbonbons selber machen. Ich will Briefe schreiben. Ich will bunte Sachen an graue Häuserwände und in dunkle Ecken kleben. Ich will Seifenblasen pusten. Ich will „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Márquez lesen. Ich will einmal ein Eichhörnchenohr anfassen. Diesen Zuckerberg-Film habe ich auch noch nicht gesehen. Ich will jeden Morgen den Sonnengruß machen. Mir fehlen meine Schwestern. Traue ich mich meine Haare kurz zu schneiden? Ich möchte eine Grachtenfahrt in Amsterdam machen. Ich will in ein Geschäft in dem es nur Cupcakes gibt. Ich möchte aus meinen alten Klamotten neue Sachen zusammennähen. Ich will endlich, dass meine Nähmaschine funktioniert. Ich will mindestens zehn verschiedene Orchideen sehen. Ich will mit meinen besten Freunden an einem Küchentisch sitzen und die ganze Nacht durchquatschen. Ich möchte endlich lernen, wie man ein Rad schlägt. Eines Tages will ich eine Raubkatze anfassen. Wie ist mehrere Tage in einem Kloster zu sein und nicht zu sprechen. Schaffe ich es, eine komplette Ausgabe der ZEIT durchzulesen. Wann war ich zum letzten Mal auf dem Friedhof? Gibt es wirklich noch Leute die Briefmarken sammeln? Ich will Zeit haben, unter der Dusche laut, lange und vor allem schief jedemenge Lieder mitzusingen. Ich möchte aufwachen und in einem viel zu großen Shirt und kuscheligen Wollsocken durch meine Wohnung spazieren und gucken, was sich in den ganzen Kästen und Schubladen versteckt hält. Ich möchte ein riesiges Bild von einem Galloway-Rind in meinem Wohnzimmer aufhängen, dass ich mit neonpinken Kreisen verziere. Ich will Mango-Chutney machen. Ich will selber Fotos entwickeln. Ich will auf dem Flohmarkt entlangspazieren und mich durch staubige Schätze wühlen. Ich möchte meine Freunde in Neuseeland besuchen. Ich will mir Handstulpen stricken. Ich will endlich mit meinem Fahrrad rückwärts fahren können. Ich möchte im Schneidersitz auf dem Fußboden dieses kleinen Restaurants sitzen und buntes Sushi essen. Ich will, dass die endlich meinen Weisheitszahn ziehen. Kann man ein Sofa selber bauen? Mir fehlen die Wellen und der Wind und der warme Sand unter meinen Füßen. Schaffe ich es eine kleine Avocado-Pflanze großzuziehen? Selbstgemachte Tomatensauce schmeckt viel besser. Ich möchte endlich die Playlist auf meinem iPhone aktualisieren. Ich möchte auf einem Konzert sein und in der Menge umherspringen. Sekt mit Rhabarber schmeckt lecker. Ist es unter Wasser wirklich so anders? Ich will mich nach der Sauna in den Schnee legen. In Indonesien gibt es wunderschöne Märkte und die allerbesten Kokosnüsse. Ich möchte nochmal Achterbahn fahren. Mein Vater fehlt mir. Wie ist es im November auf Juist? Wie lange können wir lachen? Kann man Kontinente überskypen? Gefrorene Himbeeren kann man wunderbar lutschen. Sonnenmilch riecht gut. Eine ganze Wand voll Fotos und Bilderrahmen. Ein Mobile aus pastellfarbenem Papier und goldener Folie. Die Nase in Lavendelsträuchern vergraben. Eiskristalle sehen. Nachts Blumen in fremde Straßenbeete pflanzen. So laut schreien, bis ich heiser bin. Endlich richtig französisch sprechen. Vergessen. Wimpern wegpusten. Eine Glückszigarette rauchen. Rotwein trinken, bis man einen Rotweinschnurrbart hat. Durchgekitzelt werden. Mich in meinem Kleiderschrank verstecken. Mit bunter Kreide auf der Straße malen. Einen Fliegenpilz unter dem Mikroskop angucken. Wie ist es in Stockholm? Warum war ich noch nie in England? Hat Freiburg sich verändert? Fotos in Postergröße entwickeln lassen. Mario Kart Rainbow Road spielen. Und Tekken. Ist es wirklich so schwer, selber Crème brûlée zu machen? Den neuen Teil von „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit“ sehen. Stundenlang mit dem Zug durch die Landschaft fahren. Ein Lagerfeuer mit Feuersteinen anzünden.

Was wäre wenn ich sieben Wochen Zeit hätte? Ich möchte aufwachen und weiterträumen.

Und manchmal wünsche ich mir…

…dass wir gemeinsam am Deich entlang spazieren und der Wind durch unsere Haare und unsere Gedanken weht. Du rennst ein Stück vor, drehst dich lachend um und läufst rückwärts weiter – der Wind fegt dir die Kapuze deines Pullovers vom Kopf. Ich muss auch lachen und gebe dir gestikulierend Zeichen, damit du nicht übermütig gegen die Fahrradfahrerin stolperst. Du bleibst stehen, deine Arme sind ausgestreckt und warten auf mich. Wir bleiben mitten auf dem Weg stehen und gucken auf den Fluss, wir träumen von einem Leben auf einem Hausboot oder wie es wäre, als Möwe den ganzen Tag hinter frischen Fischen herzujagen. Ich hole tief Luft und dein Atem kitzelt in meinem Nacken, so dass sich meine Nasenspitze kräuselt.

Nachts wache ich auf und fahre mit meinen Fingerspitzen die Konturen deines Gesichtes ab, deine Wangenknochen entlang – ich küsse deine Augenbrauen und kuschel mich zurück unter die Decke. Vielleicht treffen wir uns im Traum, besprechen wir, bevor wir einschlafen.

Ich habe meine hellgraue Jogginghose an und trage dein weißes Unterhemd. Es riecht nach dir. Meine Haare sind zu einem losen Knoten zusammengebunden. Die Espressokanne steht auf dem Herd und ich höre das Wasser deiner Dusche. Die Aufbackbrötchen warten im Ofen. Du kommst rein und schüttelst deine nassen Haare so, das ich blinzeln muss. Ich setze mich auf die Fensterbank und wärme meine Füße an der Heizung. Die Knie habe ich ans Kinn gezogen und du lachst mich an. Ich lese dir aus dem Artikel vor, den ich angefangen habe, während du duschen warst. Du tröpfelst vorsichtig Balsamico und Olivenöl über die Tomaten und den Mozzarella. Ich zupfe einige Blätter vom Basilikum. Das sind unsere ersten Tomaten dieses Jahr, es sind nur drei, aber du hast mir versprochen, das sie gerade deswegen besonders lecker sein werden.

Deine Schuhe liegen übereinander gewürfelt neben der Wohnungstür, meine stehen fein säuberlich aufgereiht daneben.

Wir schlendern über den Flohmarkt und ich kaufe einen kleinen alten Zuckertopf mit kitschigen Blütenranken. Wir überlegen uns ein paar alte Schallplatten mitzunehmen und sie im Flur neben dem großen Poster der Fotografie-Ausstellung aufzuhängen.

Wir klettern durch die Luke aufs Dach und gucken in den Sternenhimmel, ich lege mich auf den Rücken auf die Wellpappe und suche den kleinen Wagen in den Sternen. Es ist kühl, ich habe eine Gänsehaut. Wir trinken Beck’s, du erzählst von deinem Tag. Die dunkle Ruhe der Nacht wird hin uns wieder durch vorbeifahrende Autos oder eine Krankenwagensirene durchbrochen. Du legst deinen Kopf an meine Schulter und ich fahre vorsichtig durch deine Haare. Wir trinken noch ein Bier, bevor wir lachend durch die Luke zurück ins Haus klettern. Du fragst, ob wir den Rotwein noch aufmachen wollen, wir sitzen am großen Holztisch in der Küche, den wir selber zusammengebaut haben und verlieren uns in Gesprächen. Das Radio läuft im Hintergrund, die Musik erinnert an die 20er-Jahre. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist es halb vier. Wir müssen morgen beide arbeiten. Mit den Zahnbürsten und Schaum im Mund schneiden wir vor dem Spiegel Grimassen. Die Bettwäsche riecht frisch und meine Füße verstecken sich zwischen deinen, bis mir warm genug ist. Träum schön, Kleine – flüsterst du mir ins Ohr. Ich bin schon fast eingeschlafen aber nicke noch. Du auch, murmle ich lächelnd.

Manchmal wünsche ich mir, dass die Zeit einfach stehen bleibt.

(fyi: frei nach nordfischbabys Stücken erfundene Gedanken)

Kann ich eigentlich nicht mehr alleine sein?

Ich habe mich verändert. Und irgendwas hat sich verändert. Klar, alles wird schneller. Wir kommunizieren auf 28 1/2 Kanälen. Am besten auch noch parallel und gleichzeitig. Aber das meine ich gar nicht unbedingt. Sekunden, Minuten, Stunden, Wochen, Monate und irgendwie auch Jahre ziehen immer schneller an mir vorbei. Wenn ich zurückdenke, ich mein, wie lange die Zeit des Adventskalenders mal war, gefühlte Jahrzehnte. Allein vom ersten Dezember bis Nikolaus vergingen Monate. Und heute geht der Sommer quasi direkt über zu Silvester.  Habe in den letzten beiden Jahren irgendwie nie richtig Urlaub gemacht und bin nicht wirklich mal ein paar Tage am Stück zur Ruhe gekommen. Aber ich will mich nicht über fehlende Zeit beschweren, denn im Moment hab ich einen der coolsten Jobs, den ich mir vorstellen kann. Aber manchmal beschleicht mich der Gedanke, ich könnte mich einfach auflösen. Einfach weg, verschwinden im Strudel aus Tweets, Gesprächsfetzen, Telefonaten, SMS, E-Mails, Status-Updates, Kommentaren, Likes, Flattrs, Beobachtungen, Fotos, Augenblicken, Sehnsüchten…

Und dann schalte ich mein Macbook an, wenn ich nach Hause komme. Noch bevor ich meine Schuhe ausgezogen habe oder meine Tasche in die Ecke gepfeffert habe. Denn was die Kontrolle über meine technischen Geräte betrifft, da bin ich effizient geworden. Verdammt effizient. Zahllose Tabs existieren nebeneinander, unterstützt von noch zahlloseren Fenstern. Ich brauche mehr Speicherplatz um noch mehr gleichzeitig erledigen zu können. Und noch schneller. Und vor allem effizienter.

Und dann frage ich mich ganz kurz, ob das so eigentlich der richtige Weg ist und ich heute Abend vielleicht den Rechner auslassen sollte… – und dann checke ich nur nochmal ganz kurz meine E-Mails, skippe mich durch ein paar Twitter-Profile, eben die neuesten Updates bei Facebook überfliegen, hat jemand was spannendes bei Mister Wong gespeichert, was sagt der Feedreader und hat Last.fm neue Musikempfehlungen für mich? Huch halb eins, jetzt aber schnell Zähne putzen. Geht übrigens auch super vorm Rechner. Und wie gut ich im „Schlafzeug-anziehen-während-man-tippt“ geworden bin. Noch ein letztes Mal überspringe ich die geöffneten Tabs, bis ich das Macbook wirklich runterfahre. (Habe ja schließlich noch mein iPhone, bin also nicht völlig von euch abgeschnitten). Wollte ich heute Abend nicht eigentlich den Rechner auslassen? Naja, schalte stattdessen über Nacht den Flugmodus des iPhones ein und fühle mich für einen ganz kurzen Moment überlegen.

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten haben mein Leben unglaublich bereichert, ich habe das Gefühl, ich kann im Kleinen Teil von einem wirklich großen Puzzle sein. Ich lebe in zwei Welten. Online. Und Offline. Aber die Grenzen verschwinden zunehmend.

Menschen aus dem Real Life kommen hinzu, Bekanntschaften von Twitter finden ihren Weg ins echte Leben (wobei ich glaub ich fast keinen einzigen Fall nennen kann, in dem diese Begegnungen mit Personen, die ich z.B. zuvor ’nur‘ über Twitter kannte, nicht wunderbar entspannend und bereichernd waren. Trotzdem habe ich Schwierigkeiten mich zu fokussieren. Kann man sich auf soviele unterschiedliche Mikrokosmen einlassen? Bleibt dann nicht immer irgendwas zurück? Und obwohl da so viel ist. So viel Schönes. Fühle ich mich noch immer nicht komplett. Wobei ich auch wirklich nicht weiß, ob man sich je komplett fühlen kann.

Heute Nacht habe ich geträumt ich würde ohnmächtig werden, immer wieder und wieder bin ich in Zeitlupe zu Boden gefallen, aber das Fallen war sanft und fast angenehm. Informationen prallten an meinem Kopf ab, Kommunikationsstränge flossen entspannt an mir vorbei. Endlich Ruhe.

Warum aber kann ich nicht aufhören zu denken, zu kommunizieren, zu ersehnen? Mein Kopf sagt mir, dass er sich Ruhe wünscht. Mein Körper auch. Aber je mehr ich mich nach Ruhe sehne, desto mehr mache ich. Als hätte ich Angst vor diesen fünf Minuten in denen man nichts tut, außer entspannt in die Sonne zu blinzeln. Ich fühle wie Charlie Chaplin in diesem Muster aus Zahnrädern gefangen, funktionieren, machen, einspringen… Aber irgendwie will ich das auch. Kann ich nicht mehr alleine sein? Bin ich süchtig nach Austausch? Und wovor habe ich eigentlich Angst?

Nachts aufwachen und nicht wieder einschlafen können. Doch, können schon, aber nicht wollen. Fremde Informationsströme auf dem iPhone beobachten, wie sie durch die Nacht wabern. Dabei ist mein eigener Kopf doch randvoll mit Träumen gefüllt.

Wovor renne ich weg, kann ich eigentlich wirklich nicht mehr alleine sein?