Eigentlich ist…

…schon fast Weihnachten. Ist schon fast Silvester. Ist schon fast 2012. Ist schon fast ich bin erwachsen. Ist schon fast ihr seid erwachsen. Ist schon fast alles vorbei. Ist schon fast alles fängt an.

Ich esse unglaublich gerne grüne Tabasco-Sauce. Auf vegetarischen Nuggets. In einem Wrap. In einem Curry. Auf mein Tomaten-Käsebrot. Jalapeño. Mit einem scharf-gesprochenen „chchch“ am Anfang. So, dass es im Gaumen kitzelt. Ein weiches „nnnn“ in der Mitte, dass einen an wohlgeformte, warme Brüste erinnern lässt.

Ich trinke ein Glas Rotwein und schreibe diesen Text. Anders. Ich schreibe diesen Text und schreibe darüber, dass ich ein Glas Rotwein trinke. Das bringt mich dazu ein Glas Rotwein trinken zu wollen. Aber weil es hier an der Heizung viel viel wärmer ist als in der Küche, ist es gerade quasi unmöglich Richtung Küche zu huschen und mir reinen Wein einzuschenken. Also schreibe ich eben weiter davon, wie gerne ich jetzt ein Glas Rotwein tränke. Und trinke keinen Rotwein.

Draußen ist es kalt. Nass. Neblig. War nicht gerade eben noch Sommer? Einmal eingeatmet und schon ist aus Versehen sibirischer Winter? Wenn ich abends mit dem Fahrrad fahre, kriecht die Kälte unter meine blaue Wollmütze, sie tanzt an meinen Fingerspitzen entlang und legt sich in meinen Nacken. Das sind Momente, in denen ich mich an die warmen Jalapeño-Brüste schmiegen möchte um nicht zu erfrieren.

Manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen online und offline. Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt noch Grenzen gibt? Dann wiederum frage ich mich in einem harschen Ton erneut, wie ich darauf kommen konnte, online und offline könnten eins sein. Es ist ein neuer sozialer Raum entstanden, der uns umgibt, mit dem wir uns umgeben. Es ist wie eine Wolke aus Wortfetzen, Gedankenströmen, Links und Bildern, Songs und Gefühlen, Likes und Comments, Streams und Push  Notifications. Ich bin jetzt hier. Und gleichzeitig da draußen bei euch. Und gleichzeitig seid ihr hier bei mir.

(Ich habe es in der Zwischenzeit übrigens in die Küche geschafft. Gleich gibt es Wein. Das sollte euch nicht beunruhigen. Im Gegenteil, meine Gedanken benehmen sich einen Großteil der Zeit sowieso absurd. Da kommt es auf Glas Rotwein mehr oder weniger nicht an.)

Vorm Edeka an der Ecke stand heute und älterer Mann. Ich schätze er war 57, könnte aber auch sehr gut als 63 durchgehen. Er spielte Ziehharmonika. Er wirkte auf mich osteuropäisch, das mag jetzt nach einem verflixten Vorurteil klingen, das macht aber nichts, denn ich meine es nicht so. Er trug eine blau-rote Jacke, der Haaransatz war ein wenig schütter und seine Hände steif und rot von der Kälte. Manchmal wünsche ich mir ich hätte besondere Fähigkeiten. Und damit meine ich jetzt nicht diese „8-Millionen-Dollar-Frau-Night-Rider-Scooby-Doo-A-Team“-Fähigkeiten – nein, manchmal wünsche ich mir, ich könnte Lebensgeschichten im Zeitraffer vor mir ablaufen sehen. Ich blicke der gewünschten Person kurz in die Augen um mir die Zugangsberechtigung zu seinem Leben abzuholen und dann würde es losgehen. 16 zu 9. Oder schwarz weiß und flackernd. Wie ein Daumenkino, dass sich durch meine Gedanken wälzt.

Wenn ich mir noch eine Fähigkeit wünschen dürfte, wäre es im Nachhinein sehen zu können, wo man Personen, die man erst seit einem bestimmten Zeitpunkt kennt, vielleicht schon vorher rein zufällig gesehen hat. Also nicht gesehen hat. Wo sich die Wege schon einmal gekreuzt haben. Im Supermarkt. Am Bahnhof. Auf einem Konzert. Im Urlaub. In Berlin. Oder in der Achterbahn. Wobei ich letzteres für meinen Fall eher ausschließen kann, da ich glaube ich an einer Hand abzählen kann, wie oft ich schon Achterbahn gefahren bin. Das ich da schon die Wege von irgendjemandem gekreuzt habe, mag ich an dieser Stelle fast ausschließen.

Eigentlich ist auch schon fast Neujahr. Eigentlich ist schon fast Frühling. Eigentlich kann ich den Sommer schon fast wieder riechen. (Gut, dass kann jetzt doch auch am Wein liegen.)

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Ein Gedanke zu “Eigentlich ist…

  1. Menschle schreibt:

    Aber Du hast sie doch, diese besonderen Fähigkeiten.
    Menschen, Situationen, Bilder, Dinge, Deine eigenen Gedanken zu beobachten, zu betrachten. Deine Gedanken in Buchstaben zu verwandeln. Buchstaben zu Worten zu bilden. Worte in Sätze zu verzaubern. Den Sätzen einen Sinn geben. Sinn, der lebenswert macht. Und liebenswert. Ohne Sinn würde nichts Sinn machen, was keinen Sinn ergeben würde.

    Nachdenklich sein, innehalten, verharren, den Moment erfassen, ohne nur für den Augenblick zu leben. Maschinen, die hechelnd durchs Leben hetzen, funktionieren nur noch, und das Leben rauscht an ihnen vorbei. Nein, die Zeit ist es, die an ihnen vorbeihuscht.

    Bewusst leben, erleben, macht die Zeit länger.
    Achterbahnfahrer und andere Kicksucher werden sich im Winter nicht ausgefüllt fühlen. Im Winter ihres Lebens. Dann wird ihnen schmerzlich bewusst, dass sie etwas sehr wertvolles verloren hatten, denn der Wein ihres Lebens konnte sie nicht sättigen.

    Aufleben im vernünftigem Maße.
    Vorurteilsbeladene Schwätzer haben ihre besonderen Fähigkeiten verloren. Diese Sinnlichkeit, und ihren Sinn. Der Glaube, das Kind im Erwachsenen, betrachten – ohne zu urteilen. Es sind die kleinen Dinge, die eigentlich groß sind, Freude bereiten. Sie sind es, die in die Tiefe gehen, während die scheinbar großen Dinge nur in die Breite gehen.

    Wer das Auge für den Moment nicht vergisst, erkennt dieses, und verwandelt daraus Buchstaben. Buchstaben, die Worte zaubern. Worte, die Sätze bilden. Sätze, die Sinn ergeben. Sinn, der lebenswert macht. Und liebenswert.

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