Fusion 2011 – Ich mag es, wenn man mich Hippie-Mädchen nennt.

Ich beobachte, wie die Welt um mich herum mitwächst. Auf einmal können mir die Hunde nicht mehr direkt in die Augen blicken. Ich habe aufgehört, diese und jene Blätter von unterschiedlichen Bäumen zu probieren. Immer seltener berühre ich die Blütenblätter im Vorbeigehen. Aus Pusteblumen ist Löwenzahn geworden. Pfützen lächle ich nur noch aus der Entfernung verschwörerisch zu. Doch manchmal kommt alles ganz unerwartet und wir sind doch wieder Kinder.

Wir lassen uns von elektronischer Tanzmusik tragen. Schließen die Augen und lassen uns von den Beats treiben. Ich habe Lust dich zu umarmen. Sonnenstrahlen wärmen meine Wangen. Mit meiner linken Hand streiche ich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und lege sie hinter mein Ohr. Meine Füße bewegen sich konstant zu den Melodien. Obwohl ich die Augen geschlossen halte, lache ich. Und ich spüre, dass es euch nicht anders geht. Wir treffen an uns an diesen Orten um gemeinsam wieder Kinder zu sein. Die Mädchen tragen bunte Strumpfhosen und die Gesichter glitzern bunt. Federn schmücken die Haare und wäre ich ein Mops, würde ich in Heer unterschiedlichster Gummistiefel und von Freude und Matsch durchtränkten Stoffschuhen blicken. Wir stoßen an, in den milchigen Plastikbächern klopfen die Reste der Eiswürfel an den Rand. Kalter Rhabarber. Kalter Rum. Schmeckt mir.

Bunte Zelte sind in unterschiedlichsten Konstellationen und Formen angeordnet. Je länger die Menschen nicht duschen, desto schöner werden sie. Mein Kopf liegt fast auf der Erde. Zwischen uns nur die Wiese, der Zeltboden und die Luftmatratze. Wir vibrieren, die Bässe der Bühnen durchdringen unsere Körper. Es ist schwer zu sagen, ob es schon morgens ist, noch morgens ist oder wann morgen ist? Für einen kurzen Moment halten wir die Zeit an, ziehen Büros, und Bürostühle, und Eltern, und Briefe, und Rechnungen, und das Grau aus unseren Köpfen. Mehr Rum. Nicht mehr kalt. Trotzdem gut. Dazu TUC-Kekse mit Senfsoße. Quietschender Halloumi-Käse rundet das festliche Abendmahl ab. Wir essen mit den Fingern, es könnte kaum köstlicher sein. Wir sind die neuen Blumenkinder.

Regen tropft von unserer Stirn. Kitzelt meinen Nacken. Ihre Schuhe quietschen. Tanzend verdichten wir den Boden. Wir werden den Weg nach Mordor finden. Fast ekstatisch bewegen sich unsere Arme zu den Klängen. Die Sonne geht auf. Die Sonne geht unter. Sekt. Bier. Noch mehr Rum. Wasser. Viel Wasser. Sekt. Liebe.

Wir lassen uns treiben von den unterschiedlichen Farben und Formen. Ein elektronischer Rattenfänger führt uns durch das Dorf der Fantasien. (An dieser Stelle muss ich anmerken, dass Phantasie mit „Ph“ geschrieben, der Bedeutung des Wortes viel gerechter wird als die Verwendung eines schlichten „F’s“). Konzertfetzen dringen an uns heran. Auszeit. Wir liegen weil wir liegen wollen. Wir tanzen, weil es nicht anders geht. Grenzen verschwimmen. Es riecht nach Sonnencreme. Ich liege auf dem Rücken und blicke dem Himmel direkt ins Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange ich da liege und es spielt auch keine Rolle.

Erschöpft sitzen wir wieder im Auto. Fahren bei McDonalds ran, durstig und hungrig und erschöpft. Doch wir sind kaum in der Lage auch nur einen Bissen herunterzubekommen. Wir sind glücklich. Und aufgefüllt mit schönen Erinnerungen, die uns dabei helfen, die Zeit bis zum nächsten Jahr zu überbrücken.

Fusion 2011 – du warst wundervoll ❤

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6 Gedanken zu “Fusion 2011 – Ich mag es, wenn man mich Hippie-Mädchen nennt.

  1. Karl schreibt:

    Wohl eher Hippster-Mädchen als Hippie-Mädchen. „Fahren bei McDonald’s ran“, ALTER, wenn ihr so etwas, dass ihr euch scheinbar noch nicht ganz erklären könnt, so mystisch und „sexy“ findet dass ihr gar nicht anders könnt als dran teilnehmen zu wollen, dann lest vorher ein bißchen was, informiert euch worum es geht anstatt alles ohne zu Fragen zu konsumieren und in euch hineinzusaugen um danach dann am besten alles unreflektiert stehen und liegen zu lassen, so wie ihr es in diesem Kacksystem gelernt habt. Der Geist, der dieses Festival belebt, wird ganz schnell die Sause machen wenn so viele Leute weiterhin nicht in der Lage sind die aktuellen Verhältnisse zu hinterfragen und einen Teil zu diesem Gesellschaftsereignis beizutragen anstatt nur zu kosnumieren. Wenn ihr das nicht könnt dann verpisst euch doch bitte aufs MELT, da könnt ihr dann auch mit euren „smartphones“ alles für immer und ewig festhalten und zur selbstbeweihräucherung ins Internet stellen, die Sponsoren wird die kostenlose Online-Werbung freuen. Falls ihr es könnt freue ich mich auf’s nächste Mal. Peace.

    • nordfischbaby schreibt:

      Hallo Karl, danke für dein ehrliches Feedback zu meinem Text. Allerdings verstehe ich deine negative Grundstimmung gerade eher weniger – der Text sollte einfach meine Stimmung wiedergeben, in der ich mich nach der Fusion befand. Ich weiß nicht, warum du, fast agressiv, darüber urteilst wie cool oder uncool ich bin, dieses (dein) Festival einfach zu besuchen, ohne deinen Ansprüchen was Konsumkritik, Gesellschaftsphilosophie oder Systemnonkonformität… betrifft, zu genügen. Worauf stützt du deine Behauptungen, ich würde nur konsumieren, nicht nachdenken, nicht hinterfragen?

      Die meisten von uns waren nicht zum ersten Mal auf der Fusion und ich denke, der Geist dieses ganz besonderen Festivals ist bestimmt nicht spurlos an uns vorbeigegangen 🙂 Und ein Gefühl war während der vier Tage in Lärz ganz besonders zu spüren: Toleranz. Hast du das zufällig auch bemerkt? Egal, wer da wie und aus welchen Gründen zusammengewürfelt wurde, irgendwie passte es fast immer. Ich bin immer für offenes Feedback, aber warum du jetzt gerade deinen Frust über mich oder mein Blog auskippst, verstehe ich nicht wirklich. Weil wir danach bei McDonalds rangefahren sind? Weil ich mein iPhone dabei hatte? Weil ich es gewagt habe, unreflektiert meine Stimmung und Gefühle wiederzugeben? Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Gründe, ein dämliches Hipster-Hippie-Mädchen wie mich, mit einem ungnädigen Kommentar abzustrafen, nicht?

      Ein bisschen frage ich mich dann doch, wer hier die Grundidee eines wirklich tollen Festivals nicht verstanden hat oder nicht verstehen will?! Aber vielleicht haben wir beide uns gerade auch einfach nur auf dem falschen Fuß erwischt. Jaisha

      • Karl schreibt:

        Falscher Fuß, kann sein.

        Frust würde ich es jetzt nicht nennen, vielmehr ist es eine, wenn auch der Relevanz entsprechend noch sehr seichte, Wut.

        „Worauf stützt du deine Behauptungen, ich würde nur konsumieren, nicht nachdenken, nicht hinterfragen?“

        Beantwortest du quasi selbst:

        „Weil wir danach bei McDonalds rangefahren sind? Weil ich mein iPhone dabei hatte?“

        Es ist so: Toleranz kommt von tolerare: aushalten, ertragen. Ich bin ein sehr toleranter Mensch, aber meine Toleranz ist nunmal nicht grenzenlos, was ja auch fatal wäre. Und dann findet einmal im Jahr an diesem Ort ein gesellschaftliches Großereignis statt, dem ja, da sind wir uns alle einig, noch ein Geist innewohnt, der dadurch entsteht, dass für 4 oder mehr Tage mal eine Alternative gelebt wird. Ein Gegenentwurf, eine Parallele. Eine andere Richtung, die auch möglich ist, die sogar um unzählige Weiten schöner, besser, fortschrittlicher, menschlicher ist als unser momentanes Kacksystem und die es in der Form zumindest während dieser 4 Tage nur genau dort gibt. Selbstverständlich, dass diese Form u.a. nur dadurch derart existieren kann, dass niemand herabgewürdigt wird, jeder jedem gleich und mit offenem Herzen begegnet – dass es kein pseudoelitäres Gehabe gibt, „ich gegen dich, ich bin besser als du“.

        Nur dass ich es dann dieses Jahr das erste mal eben nicht mehr ertragen konnte, wie unglaublich viele Leute ihre dämlichen mobilen Ortungswanzen mit sich rumtrugen und alles und jeden abfotografierten und filmten als wäre es ein Zoo, selbst aus nächster Nähe ohne zu Fragen. Und dann am besten gleich „live“ online gestellt haben, getwittert oder in was weiss ich für einer Form, damit man gleich der ganzen Welt selbstbeweihräuchernd mitteilt wie „dabei“ man ist – ohne zu bemerken, wieviel man dadurch dazu beiträgt, nicht nur die Atmosphäre komplett zu zerstören …

        Ist es denn zu viel verlangt all den Scheiss, von dem man denkt, es sei Normalität und vor dem man doch eigentlich fliehen möchte, einmal im Jahr zu Hause zu lassen? Einfach mal wirklich raus zu gehen ? Es geht ja nicht nur um Smartphones oder Digicams.

        Ich habe das hier nicht auf deinem Blog geschrieben weil ich dich verurteilen wollte, ich kenn dich ja gar nicht. Ich bin hier zufällig vorbeigeklickt und sah mich schlichtweg aufgefordert meiner Meinung hier kundzutun. Aus einem Austausch können sich immer neue Perspektiven ergeben.

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