zeit. ver. treib.

Es macht mich glücklich, durch die Wellen der Zeit zu treiben. Die Zügel der kleinen Seepferdchen sind umklammert von meinen Fäusten. Gemeinsam wiehern wir der Gischt und den weißen Schaumkronen entgegen. Das Seepferdchen und ich. Uns kann nichts aufhalten. Wir sind mutig. Wir lachen der Gefahr ins Gesicht. Doch genauer hinzugucken, dass trauen wir uns heute noch nicht.

Es ist der kurze Moment, wenn sie sich von ihm, er sich von ihr, wir uns von ihnen, du dich von mir verabschiedest. Unser Lächeln trifft sich in der Mitte unserer Körper. Wenn man genau hinhört, kann man die kleinen gläsernen Geräusche hören, die wie zarte Kristalltropfen aneinanderprallen. Lächeln trifft auf Lächeln. Kurz sind unsere Herzen geöffnet und lassen den andern hinein, dann drehen wir uns um, wenden uns ab und schließen unsere Herzen wieder.

Die Kopfhörerstöpsel werden in die Ohren gesteckt. Musik aufgedreht. Wir schwanken zwischen so leise, dass man noch andere Gespräche mithören kann, so laut, dass man andere mit monotonen Bässen und auftretenden Höhen stört und so, dass wir einfach nur auf einer Welle der Musik schwimmen und weder Innen noch Außen wahrnehmen. Angenehme innere Ruhe. Trotz Musik. Trotzmusik.

zeit.ver.treib. in Berlin

Warum denkt man im glücklichen Moment eigentlich schon wieder an den Abschied? Was macht es so verdammt schwer, den Augenblick zu genießen? Warum muss man immer die Kontrolle behalten? Ist das vielleicht ein Grund, warum Menschen gerne Sex haben? Weil man im Augenblick der Zweisamkeit für einen kurzen Moment die Kontrolle über seinen eigenen Körper verlieren kann? Nichts zählt. Alles zählt. Und auf einmal hat der Moment die Kontrolle über einen und man selber ergibt sich lachend dem Moment.

Alltag. Tag für Tag . Tag für Tag für Tag werden To-Do-Listen abgearbeitet. Imaginäre. Auf Papier. Auf dem iPhone. Das Problem scheint sisyphus’scher Natur. Nichts hat ein Ende. Und alles geht von vorne los. Wir sehnen uns nach Zeit und Ruhe. Und sollten wir mal Zeit und Ruhe haben, wissen wir kaum etwas damit anzufangen. Überfordert vom Moment des Nichtstuns. Schnell lechzen wir nach digitaler oder analoger Ablenkung. Zeitvertreib. Statt Stille auszuhalten. Scheint fast noch schlimmer als zu viel zu tun zu haben.

Ich merke selber, wie schwer es mir fällt, einen einzelnen Gedanken zu verfolgen. Ein Buch zu lesen. Eine Seite zu lesen. Ich bin zu einem Springer in meinem eigenen Leben geworden. Ein Telefongespräch strengt mich an. Schon das Klingeln meines Telefons strengt mich an. Die Nummer meines Hausanschlusses haben nur vier Leute und mein Handy nutze ich eigentlich nicht zum telefonieren. Erwartungen strengen mich an. Schreiben strengt mich nicht an. Ich bin der Beobachter unter meinen Gefühlen. Ich warte ab. Ich interpretiere. Aber ich weiß auch, wie schön es ist, seinen Kopf auszuschalten.

Hätte ich eigentlich noch die Muße in Ruhe in der Badewanne zu liegen? Diese Frage kann ich nur schwer beantworten, da ich keine Badewanne habe und ich glaube es wäre reichlich unbequem in meiner Dusche rumzuliegen. Aber gesetzt den Fall, man badetete 45 Minuten oder eine Stunde? Die Badewannengänger unter euch, wie lange dauert eigentlich ein Durchschnittsbad? Badet man dann 45 Minuten ohne Ablenkung? Ohne iPhone? Neon? ZEIT? Murakami? Whats App? Twitter? Facebook? Wäsche waschen? Eis essen? Fahrrad reparieren? Kochen? Mails checken? Trinken? Tanzen? Essen kaufen? Arbeiten? Luft holen?

Eine Dreiviertelstunde lag nichts tun? Irre. Noch bis vor zwei Jahren habe ich jede Woche regelmäßig Yoga gemacht. 1 1/2 Stunden nur ich und der Moment. Handy aus. Sprache aus. Und im Idealfall auch Gedanken. Kann ich mir heute kaum vorstellen. Gedanken wirbeln und Ablenkung ruft. Aber immerhin kann ich eins gut: Einschlafen. Noch bevor mein Kopf das Kissen berührt bin ich quasi schon eingeschlafen. Mein persönlicher Anti-Reizüberflutungsmodus. Ich habe jahrelang hart trainiert, um die „oh guck mal ein Eichhörnchens“ dieser Welt auf Flugmodus zu schalten.

Manchmal wünsche ich mir ganz viel Zeit. Für dich. Für mich. Für uns. Und dann drehe ich kurz meinen Kopf zur Seite, weil vor meinem Fenster ein kleiner Vogel sitzt, der mir aufgeregt Baby-Eichhörnchen-Videos auf Youtube zeigen will.

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3 Gedanken zu “zeit. ver. treib.

  1. Stefan Berghem schreibt:

    Danke für 5 Minuten ohne produktiv zu sein, ohne sinnvoll oder notwendig zu sein. Danke für die Anregungen und das laute JA!
    Mein Baden dauert 20 Minuten, hat etwas von standbymodus, ist aber trotzdem erholsam und entschleunigend – nur ohne atmen, das schaffe ich noch nicht…..
    thx

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