Im Ernstfall Quittengelee?

Mit gleichmäßigen Bewegungen schiebe ich das grobe Stück Parmesan über die Reibe. Vor und zurück. Wie dicke Schneeflocken rieseln die Parmesanspäne auf den kleinen Unterteller mit dem Blütenmuster. „Der Teller ist viel zu klein“, sagt mein Kopf, als ich in Gedanken in den Schrank greife. „Das ist egal“, raunt mein Bauch.

Ich blicke aus dem Fenster, schwere Quitten hängen am Baum. Dick. Gelb. Schön sehen sie aus. Ich hasse Quitten. Wahrscheinlich werden im Spätherbst wieder tonnenweise Quitten zu Quittengelee gekocht. Prognose: Den wird vor 2021 (wenn überhaupt) eh niemand essen. Halt, es sei denn, der Ernstfall tritt ein. Die Klimakatastrophe könnte akuter werden oder der dritte Weltkrieg lässt sich nicht mehr abwenden. „Dann sind WIR wenigstens gerüstet“, murmelt mein Bauch. „Ja, mit 23 Gläsern Quittengelee, du Spinner!“, schnauzt mein Kopf ihn an. Die Diskussion kommt mir irgendwie bekannt vor.

Vor knapp zwanzig Jahren habe ich gemeinsam mit der netten Nachbarin – übrigens gleichalt, nur anders – den Ernstfall geprobt. Sie hatte schöne, dunkle, schwere und glänzende Haare, eine zierliche Nase und war mittags mit dem feinsten Mikrowellenessen ausgerüstet – was war ich neidisch. Bei mir gab es hingegen gesunde Kostbarkeiten die einen zum Würgen bringen konnten: Hirse mit Curryjoghurt und gebratenen Karotten – so gesund. Das königliche Mikrowellenessen hingegen, fein säuberlich auf dem weißen, dreigeteilten Plastikteller angericht – Erbsen und Möhrchen, Spätzle und braune Soße mit Champignons (geschnitten, dritte Wahl). Trotzdem, mir lief beim Anblick ihrer wohlgefüllten Plastikteller das Wasser im Kindermund zusammen. Wenn unsere Mütter beschäftigt waren, tauschten wir heimlich die Teller aus – und stürzten uns begierig auf das jeweilige Essen der Anderen.

Wenn das Wetter gut war, schmuggelten wir die Teller nach draußen und setzten uns auf die kühlen Steinplatten im Innenhof (auf die man sich ja nicht setzen sollte, mit einer Erkältung, das kann ja so schnell gehen und ehe man sich versieht… ich denke ihr wisst, worauf ich hinaus will).  So saßen wir dann jedenfalls da, mit unseren sieben 1/2 Jahren, blinzelten in den Himmel und spielten Nostradamus. Schicksale voraussagen. Vom Vogel auf dem Baum, von der kleinen Schwester des Mädchens im Haus gegenüber, von der Nachbarin (die sich wenige Monate später im Wohnzimmer erhängte, während ihr Mann durch alte Kriegsverletzungen ans Bett gefesselt im Schlafzimmer lag und nichts tun konnte). Schicksale voraussagen.

Und irgendwann dann der Gedanke, was für ein Schicksal uns wohl ereilen könnte. Und irgendwann stand der Plan fest: ein Schutzbunker, am besten mit integriertem Vorratsraum musste her. Für schlechte Zeiten. Man weiß ja nie. Und wir wissen ja schließlich auch, wie schnell das schon mit einer läppischen Erkältung gehen kann.

Wir suchten die Umgebung nach geeigneten Orten ab. Im Endeffekt landeten wir in dem kleinen Kellerraum unten im Haus, der direkt neben dem gruseligen Heizungsraum mit den vielen Ablesegeräten, lag. Mehrere Tage vergingen, ehe wir den Raum Stück für Stück von dem ganzen Schutt und den unbrauchbaren Gegenständen befreit hatten. „Mama, ich bin bei Nadine, wir machen Hausaufgaben.“ – Vormittags Schule, nachmittags unter Tage. So jung und schon so Bergarbeiter. Den Füller, fest von der kleinen Faust umschlossen, schrieben wir mit sorgfältiger Handschrift endlose Listen von Dingen die in unserem „Panic Room“ nicht fehlen durften: Streichhölzer – am besten so ca. 100 Pakete, Kerzen, Decken, Konserven aller Art, Wasser – jedemenge Wasser, das war klar, Taschenlampen, Pflaster…

Wenn Mittags der Eismann klingelte und die anderen ihr Geld zu Vanille, Schoko und Erdbeer trugen – schlichen wir uns zum Schlecker zwei Straßen weiter und kauften Ziplock-Beutel, Feuerzeugbenzin und Reiswaffeln. Überlebenswichtig, versteht sich von selbst. Da waren sogar mein Kopf und Bauch sich einig. Die Wochen vergingen und der Raum nahm Gestalt an. Wir fühlten uns zunehmend gewappneter, für den Ernstfall, der bestimmt eintreffen würde, da waren wir uns sicher. „Warum seid ihr so blaß?“ und „Du hast da Spinnenweben im Haar“. Aber den anderen konnten wir unmöglich von unserem Plan berichten. Aber im Notfall konnten wir noch bis zu sieben andere Personen mit durchbringen. Für mindestens 2 1/2 Monate. Das hatten wir knallhart durchkalkuliert. Und wenn sie uns mal wieder bemitleidend anlächelten, weil wir nicht mit auf den Spielplatz kamen, wussten wir insgeheim, dass sich der Aufwand lohnte und sich die ganzen eisverschmierten Kinder noch freuen würden, wenn wir sie in unseren Schutzraum unterbringen würden. Im Ernstfall. Der bestimmt kommen würde. Da waren wir uns sicher.

Parmesanflocken landen auf dem Küchenfußboden, „Ey“ pampt mein Kopf mich an. „Träum nicht soviel“ – „Und mach mal schneller“ unterstützt ihn mein Bauch. „Klappe ihr zwei!“, denke ich energisch. Die letzten Konserven im Panic Room dürften übrigens bereits 2006 abgelaufen sein. Ich schnappe mir den parmesangefüllten Unterteller und mache mich mit den dampfenden Spaghetti auf ins Wohnzimmer. Ist irgendwie gemütlicher als so ein Panik Room. Nur Hirse, die kommt mir immer noch nicht ins Haus. Und für den Ernstfall habe ich ja immernoch Quittengelee aus letzten Jahr.

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3 Gedanken zu “Im Ernstfall Quittengelee?

  1. schiffeversenken schreibt:

    So schön geschrieben – und so viele Kindheitserinnerungen zu Tage befördert.

    Ich kann euch richtig da sitzen sehen, in eurem Keller. Ernst und konzentriert und fokussiert.

    Meine Oma hat auch immer Quittengelee gekocht. Das stand im Keller, stiefmütterlich neben der viel geliebten Schattenmorellenmarmelade. Jedes Jahr ein Glas mehr. Als sie dann nicht mehr war standen 12 Gläser im Keller.

    Das Quittengelee-Brot dass mein Bruder und ich von da an jeden Sonntagmorgen gegessen haben war erstaunlich lecker.

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