gartenarbeit 2.0 – guerilla gardening

Ich habe die Kapuze meines Pullis tief ins Gesicht gezogen –langsam beginnt es zu dämmern. Ich schaue nach links, werfe einen Blick über meine rechte Schulter – keiner da. Was ich nun tun werde ist illegal – ein letztes Mal in dieser Nacht greife ich in meine Tasche und hole eine kleine Hand voll Mohn, Kapuzinerkresse, Cosmea und Teddysonnenblumen im embryonalen Frühstadium heraus. Mit geübten „Dreh“ verfrachte ich die bunte Meute in das noch karge Beet des Gehwegs, ein paar Samen fliegen in hohem Bogen über den Gartenzaun um ein paar spießige  Stiefmütterchen – welche in Reih und Glied vor den drei frisch frisierten Buchsbäumchen wachen – aufzumischen. Zu guter Letzt pflanze ich noch zwei Stecklinge in einen kargen Blumenkübel – die beiden bekommen noch einen tiefen Schluck aus meiner Wasserflasche und ich steige zufrieden auf mein Fahrrad und radle der aufgehenden Sonne entgegen.

 

Jump in the greens (Deva Tamminga)Die heutige Form des „guerilla gardening“ hat ihre Wurzeln im London der späten 70er Jahre. In den vergangenen Jahren hat sich der Trend nach New York und auch vermehrt in deutsche Großstädte ausgebreitet. In Deutschland gibt es  die meisten „Gartenpiraten“ in Berlin. Guerilla gardening ist ein subtiles Mittel politischen Protests – das heimliche Aussäen von Pflanzen im urbanen Raum zieht immer mehr Menschen in seinen Bann. Was noch vor nicht allzu langer Zeit als spießig oder verpönt galt, ist heute en vogue. Die Verschönerung trister Innenstädte und die Begrünung brachliegender Flächen ist ein Anliegen einer neuen subkulturellen Strömung geworden.

Neben Globalisierungskritikern, Anarchisten und Umweltaktivisten bewaffnen sich zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang  immer mehr Interessierte mit Spaten, Erde und Setzlingen um Gehwege, Hochhausschluchten und Industriegebiete mit blühenden Akzenten zu versehen.

Die Idee verbreitet sich über unterschiedlichste Kanäle bis hin zur kommerziellen Ausschlachtung des ideellen Grundgedankens. Die in Brooklyn lebende Ungarin Edina Todoki verschönert mit ihren Moos-Graffiti den New Yorker Wohnraum. McDonalds wirbt an einer Schnellstraße in den USA mit einem Plakat, aus dem Salatköpfe wachsen, für gesunde Ernährung und die holländische Marketing Firma „Greengraffiti“ bringt mithilfe von Wasserkraft und Hochdruckreiniger (Werbe-)Graffito auf verschmutze Flächen indem sie diese reinigen.

Ich lege es jedem ans Herz, klammheimlich das ein oder andere Gewächs zu pflanzen und so Teil der neuen grünen Bewegung zu werden, daher noch ein paar Tipps zum Schluss:

 

  • Halte Ausschau nach einem Plätzchen, welches danach schreit, von dir bepflanzt zu werden.
  • Entscheide gut, was du anpflanzen willst.
  • Finde Verbündete.
  • Lege deinen Garten an.
  • Schütze ihn vor Herausforderungen und versorge ihn mit frischer Erde und Wasser.
  • Gib Liebe und Pflege.

Nachdem ich meine erste Nachtmission als Gartenpirat erfolgreich ausgeführt habe, sitze ich einige Stunden später übernächtigt aber glücklich an meinem Schreibtisch im Büro und nur die schwarzen Ränder unter meinen Fingernägeln deuten auf meine Beschäftigung der vergangenen Nacht hin. Und wer ganz genau hinschaut, der wird vielleicht auch noch den blassgrünen Schimmer an meinem linken Daumen erahnen. Und jetzt zu euch: Lest ihr noch oder sät ihr schon?

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